fahren auszuscheiden. Diesem Antrag leistete das Kriminalgericht keine Folge, nachdem sich Staats- anwalt Dr. Lenzlinger dagegen ausgesprochen und auf das Territorialitätsprinzip verwiesen hatte.16 Der Antrag des Verteidigers wurde wohl vor dem Hinter- grund gestellt, dass Roeckle neben der liechtenstei- nischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besass und er in einem allfälligen deutschen Strafverfahren vor einem wesentlich «freundlicher» gesinnten Ge- richt zu stehen erwartete. Diese Annahme war auch berechtigt, da die deutschen Mittäter von den deut- schen Gerichten nachträglich wesentlich mildere Strafen erhielten.17 Nach Einvernahme des Angeklagten Roeckle wur- de durch das Gericht das Beweis verfahren durchge- führt und die Zeugen Max Beck, Rudolf Beck, Rochus Lampert, Gottlieb Eberle und Johann Eberle einver- nommen. Hinsichtlich der Einvernahmen wurde im Protokoll nur festgehalten, dass die Zeugen gleich wie im Untersuchungsverfahren aussagten. Einzig zur Zeugenaussage von Rudolf Beck wurde protokolliert: «Er habe den Mann, der mit den 2 Frauen von Gaflei heraus floh, nicht näher angeschaut, doch wisse er, dass der Mann damals Hosen anhatte.»18 Da die Zeugen Fritz Schaie und Julie Wolff zur Schlussverhandlung nicht erschienen waren, wur- den ihre Aussagen vor dem Untersuchungsrichter verlesen. Das Kriminalgericht lehnte weitere Be- weisanträge der Privatbeteiligtenvertreter Rosen- baum und Marxer sowie der Verteidiger Oktabeetz und Schwendener ab und begründete dies wie folgt: «Verlesung von privaten Berichten über das Verhal- ten der Rotter könnten keine im Strafverfahren an- gängige Beweisquellen bieten, abgesehen davon, dass die vorliegenden amtlichen Berichte der Staats- anwaltschaft, bzw. des Amtsgerichtes Berlin hinrei- chend Aufschluss über die Handlungen der Schaie gegeben, soweit eine Beurteilung in diesem Verfah- ren überhaupt notwendig erscheint. Die Einvernah- me der Eheleute Eppstein ist unnötig, da es für die Beurteilung der Tathandlung nicht von wesentlicher Bedeutung ist, ob Frau Wolff über eigenen Wunsch oder über Aufforderung Schädlers die Fahrt nach Gaflei mitmachte, zumal eine Anklage in der Rich- tung der beabsichtigten Entführung der Wolff nicht 
besteht.» Im Übrigen wurde in der Begründung auf die Unerheblichkeit der beantragten zusätzlichen Beweismittel hinsichtlich der Beurteilung des ange- klagten Sachverhaltes verwiesen.19 Diese Entscheidung des Kriminalgerichtes kann auch aus heutiger Sicht nachvollzogen werden und ist unbedenklich. Es steht im Ermessen des Gerichtes solche Beweisanträge als unerheblich abzuweisen, wenn die Umstände der zu beurteilenden Tat hinrei- chend abgeklärt und durch die Aufnahme dieser Be- weise keine weiteren rechtserheblichen Erkenntnis- se gewonnen werden können. Tatsächlich ist aus den Beweisanträgen ersichtlich und auch nachvollzieh- bar, dass das Kriminalgericht daraus keine neuen Er- kenntnisse hätte gewinnen können, die zu einer an- deren Beurteilung der Straftat geführt hätten. Allge- mein ist aber anzumerken, dass eine vorweggenom- mene Beweiswürdigung grundsätzlich problema- tisch ist und allenfalls, sowohl nach der damals geltenden wie auch nach der heutigen Strafprozess- ordnung, zu einer prozessualen Nichtigkeit des Ver- fahrens führen kann. Nach Beendigung des Beweisverfahrens bean- tragte der Staatsanwalt die Verurteilung der Ange- klagten im Sinne der schriftlichen Anklage. Der Privatbeteiligtenvertreter Rosenbaum stellte nach einleitenden Erklärungen seine Ausführungen grösstenteils darauf ab, eine «Schilderung der Tätig- keit und Veranlagung der Schaie» zu geben. «Diese Ausführungen werden vom Vorsitzenden, da nicht zur Sache gehörend, nicht zugelassen. Nach Unter- brechung der Verhandlung auf 5 Minuten erklärt Ro- senbaum seinen Vortrag diesfalls umarbeiten zu müssen und ersucht um Frist von 
1 -IV2 Stunden, welche ihm gewährt wird.»20 Die Verteidiger der Angeklagten beantragten über- einstimmend einen Freispruch für die Angeklagten, andernfalls die Anwendung des ausserordentlichen Milderungsrechtes und die Verhängung einer milden Strafe. Um 20.30 Uhr wurde durch den Vorsitzenden die Verhandlung geschlossen und das Gericht zog sich zur geheimen Beratung zurück. Anschliessend wurde durch den Vorsitzenden das unter Ziff. 1 wiedergege- bene Urteil mit den wesentlichen Entscheidungs- 52
        

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