ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS / PETER KAMBER «Wintersaison 1931-32»60 offen, usw. Am meisten aber drückten die sehr hohen Hypothekarzinsen. Der Image-Schaden unwiederbringlich. Noch vor Silvester, im abgelaufenen Jahr, hatte schon die fun- kelnden Feier nach der Premiere der Erfolgsoperet- te «Ball im Savoy» - auf dessen Einnahmen die Ge- brüder Rotter aber keinen Zugriff mehr haben sollten - in ihrer bis unter das Dach mit Hypotheken bela- steten Grunewald-Villa stattgefunden, in der Kulisse einer bereits für 166 000 Mark61 vorgepfändeten Wohneinrichtung. Aber nun war die Lawine losge- treten. Die «Berliner Börsen-Zeitung» meldete am 18. Januar 1933, «die ursprüngliche Hoffnung» auf einen Überbrückungskredit habe sich «zerschla- gen»: «Fritz Rotter bemüht sich um einen Bankkredit und den Verkauf verschiedener Theater, sein Bruder Alfred, anscheinend unbeteiligt an dem finanziellen Debakel, sucht Erholung im Ausland ...». FLUCHT: DIE STIMME DER ANGST «Wir haben die größte Mühe, trotz der, wie bereits gesagt großen äußeren Erfolge, die täglichen Be- triebskosten einschließlich der für die Premiere ge- machten Vorspesen zu decken», hatte Alfred Rotter bereits vier Monate vorher, am 10. September 1932, einem Gläubiger62 geschrieben: «Es ist ja auch ganz selbstverständlich, dass heute selbst ein erfolgreich arbeitendes Unternehmen nicht noch Rücklagen ma- chen kann, denn dann hätten wir ja keine Wirt- schaftsmisere. Vielmehr besteht ja die Wirtschafts- misere darin, dass die Betriebe zu 99 % nicht im Ent- ferntesten die effektiven Betriebsspesen decken kön- nen.» Das Wochenblatt «Das kleine Journal» schrieb am 27. Januar 1933: «Aber immerhin: Die Direktion Rotter hält in diesen Notzeiten eine große Anzahl von Berliner Bühnen über Wasser, die sonst wahrschein- lich gar nicht spielfähig wären!» Mitten im Strudel sass Fritz Rotter allein in Berlin. Sein um zwei Jahre älterer Bruder Alfred und dessen Frau Gertrud befänden sich seit dem 9. Januar 1933 im Grand Hotel National in Luzern, in Begleitung des Dienstmädchens Klara. Der deutsche sozialdemo- kratische «Vorwärts» schrieb am 18. Januar 1933 
unzutreffenderweise: «Alfred Rotter weilt an der Ri- viera und teilt mit, dass seine armen Nerven zusam- mengebrochen sind», und «der gute Bruder Fritz» gebe bekannt, «seine Familienliebe gestatte ihm nicht, den kurbedürftigen Bruder mit Geschäften zu behelligen»: «Während durch ihre Schuld Hunderte von Existenzen geschädigt werden, mimen sie selber ein sentimentales Simulantenspiel.» Nicht vergessen hatte der «Vorwärts» auch, dass die «Schuldenma- cher» Rotter «vor mehr als 10 Jahren bei dem großen Schauspielerstreik die übelsten Streikbrechermetho- den betrieben». Es gab nur ein rationales Motiv hinter der für sich gesehen unverständlichen Reaktion Fritz Rotters, dem Offenbarungseid vor dem Gerichtsvollzieher auszuweichen und die Vorladungen des Staatsan- walts einfach unbeachtet zu lassen: «Unauffindbar» («Vossische Zeitung», 20. Januar 1933) zu bleiben hiess für ihn, Zeit zu gewinnen, um Geld aufzutrei- ben. Noch die Flucht nach Dresden in der Nacht vom 20. zum 21. Januar, aber auch die Weiterreise über Prag und Wien nach Zürich dienten der verzweifelten Suche nach Kredit. Aber es war unbestreitbar so: «Die Gläubiger haben offenbar zum Teil die Geduld verloren» («Vossische Zeitung», 20. Januar 1933). Am Samstag, 21. Januar 1933 hatte der General- staatsanwalt, wie seine Handakten im Landesarchiv Berlin zeigen, «um 23 Uhr 30 die Polizei beauftragt», «durch Funkspruch nach den Brüdern Rotter zu fahnden und sie im Ermittlungsfalle vorläufig festzu- 60) Ebenda, Bl. 1 11; vgl. auch LA Berlin A Rep. 358-02, Nr. 108603. «Vorbericht» des «Öffentlich angestellten beeidigten Bücherrevisors» Paul Donath, Berlin, vom 20. Januar 1933. S. 14. 61) «Berliner Volkszeitung», 18. Januar 1933. 62) An Direktor Dr. P.H. Oberreich. VERKO. Gesellschaft für Verwal- tung, Kontrolle und Versicherungsvermittlung m.b.H.; LA Berlin, A Rep. 358-02, Nr. 112662 (Akten VERKO), Bl. 19, 10. September 1932 (dass es sich dabei um Alfred und nicht um Fritz Rotter handelte, geht meines Erachtens aus der stilistischen Ähnlichkeit mit dem Brief vom 28. Dezember 1931 hervor, ebenda. Bl. 64. in dem auf gesund- heitliche Probleme hingewiesen werden, unter denen Alfred Rotier litt; «Da ich mich nach der [den] ungeheuren Strapazen der letzten Premieren auf ärztliches Anraten schnellstens erholen musste, bin ich eiligst nach Dresden gefahren und konnte Sie daher leider nicht mehr sprechen.»). Zur VERKO vgl. auch LA Berlin, A Rep. 358-02, Nr. 108620. Bl. 108. 45
        

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