ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS / PETER KAMBER nen Gläubigern-ein «normaler» Skandal gewesen.41 Durchaus gängig waren daher auch die in solchen Fällen üblichen Ingredienzen der Berichterstattung wie Häme, Schauer, Zorn, Schadenfreude, die nie fehlen, wenn Leute, die eben noch im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen, zahlungsunfähig werden. «Was soll man zum Rotter-Skandal sagen?», schrieb das «Das kleine Journal» (damals noch mit einem langen Untertitel «Wochenblatt für Politik, Gesell- schaft, Theater») am 20. Januar 1933 und fuhr fort: «Der Fall wirkt wie eine ausgesprochene Köpe- nickiade und es ist schwer, darüber keine Satire zu schreiben. Herunter bis zur letzten Reinmachefrau wusste jeder Mensch vom Bau seit Jahr und Tag, dass die Gebrüder Rotter keinen Pfennig besitzen, der ih- nen gehört.»*2 Infolge der andauernden Wirtschaftskrise sowie der dadurch verschärften Zwänge des Berliner Theater- betriebs war es auch schwer, neue Produktionen zu finanzieren. Es ist schwer zu sagen, wann genau, nach den ersten selbstverständlichen Schritten der Berliner Justiz, die berechtigte Kritik der Presse an der Geschäftsführung von Alfred und Fritz Rotter in etwas umkippte, das Züge einer klaren Hetze an- nahm. War das, zumindest in Teilen, bereits am 19. Ja- nuar 1933 der Fall, einen Tag bevor Fritz Rotter Ber- lin verliess, oder erfolgte der Umschlag erst später? An jenem 19. Januar erklärte das als links und de- mokratisch einzustufende «8 Uhr-Abendblatt» be- reits besorgt: «Das System, nach dem die Gebrüder Rotter arbeite- ten, war undiskutierbar. Dass es zusammenbrach, ist gut... Das Erstaunliche ist nur das Ensemble, das sich zusammengefunden hat, um. die Komödie der Entrüstungen zu spielen. Bei den Rotters traf sich al- les. Solange sie obenaufwaren, solange ihr betrieb- samer Betrieb funktionierte, solange sie die Rotters waren, solange standen sie hoch und allerhöchst im Kurs. Ihre Premieren waren der Treffpunkt aller de- rer, die in den Proszeniumslogen gern vergaßen, dass sie bei den Brüdern Schaie zu Gast waren. An ihren großen Tagen - eben noch beim  - saß in der ersten Loge der Reichskanzler nebst Gemahlin, 
in der anschließenden Fritz Rotter und Familie, in der nächsten Herr Staatssekretär Meißner, Herr von Rapen kam, der  fehlte nicht, wenn die Alpar, die Massary43 und die anderen großen Pferde aus dem Paradestall Rotter liefen. Die Presse, die heute Salven von Fußtritten von rechts her verfeuert und die (jüdische Mache> anzuklagen nicht müde wird, war damals allen Lobes voll. Die Herren, die heute ganze Spalten lang zu sagen wissen, dass sie es längst gewusst haben, und den Nationalismus endlich gegen den (landfremdem Gegner wiederent- decken, kamen noch bei Beginn der Saison brav zum Presseempfang und ließen sich von den Rotters gern erzählen, dass sie auch unter dem neuen Regime nur gute Kunst und gute Unterhaltung bieten würden. Und ein jeder sagte im Hinblick auf den zu erwarten- den Segen fromm seinen Spruch. Heute ist alles aus. Heute, sind die Rotters pleite und jeder deutsche Mann eilt, seine schmutzigen Stiefel an ihnen abzu- wischen. Die Rotters haben wahrlich viel gesündigt. Aber das da, - das haben sie nicht verdient.» Der Artikel des «8 Uhr-Abendblatts» trug den Titel «Alle auf ihn!» und den Untertitel «Fleute sind sie alle erklärte Feinde der Rotters!» Am 20. Januar 1933 sprach der «Völkische Beobachter» in der Berliner Ausgabe von den Rotter als den «verkrachten Thea- terjuden». Die nicht-nationalsozialistische Berliner Presse war im Januar 1933 noch frei und nicht gleichge- schaltet. Den Rotter-Theatern und den Rotter ge- genüber waren sie allein insofern schon nicht nega- tiv eingestellt, als «die Premiere des  41) Vgl. LA Berlin A Rep. 358-02. Nr. 108603: Deutsche Schauspiel Betriebs A.-G., Friedrichstr. 236 Grundstücks A.-G., Berliner Bühnen Betriebs G. m. h. I L. Admiralia Gastspiel G m. b.H., Metropolia Gast- spiel G.m. b. IL, Neuer Lessing Theater Gastspiel G.m.b.H .. Theater des Westens Gastspiel G.m.b. H., Zentralia Gastspiel G. m. b. H..Neue Berliner Gastspiel G.m.b.H. 42) Alle Zitate aus: LA Berlin. A Rep. 358-02. Nr. 108586: grosse Zeitungsausschnittsammlung. 43) Gitta Alpar und Fritzi Massary waren grosse Operettensängerin- nen. - Vgl. Stern, Carola: Die Sache, die man Liebe nennt. Das Leben der Fritzi Massary. Berlin. 1998. 41
        

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