haupt ausgelöst.(> Wohl auf Weisung höchster Berli- ner Propagandastellen wurde Anfang Februar 1935 die Nachricht von der Ablehnung der Auslieferung von Fritz Rotter durch die französische Regierung7 in der deutschen Presse nur als unkommentierte Kurz- meldung auf wenigen Zeilen gebracht: «Schaie-Rotter haftentlassen. Paris, 2. Februar. Die französischen Behörden haben den in Aix-en-Pro- vence bisher in Haft gehaltenen früheren Berliner Theaterdirektor Friedrich Schaie alias Rotter auf fr eienFuß gesetzt, obwohl die Anklagekammer kürz- lich einen Beschluss auf Bewilligung des deutschen Auslieferungsantrages gegen Rotter gefasst hatte. »s Fritz Rotter wurde noch im Herbst 1936 von seiner Schwester Ella Ullmann, geborene Schaie, in Nizza gesehen. Er soll 1938 in Paris verstorben sein.9 Neue Aktenfunde10 erlauben es, die Geschichte des Zusammenbruchs der Rotterbühnen losgelöst von der NS-Propaganda darzustellen. Die Brüder Alfred und Fritz Rotter mögen im Januar 1933, nach miss- glückten Börsengeschäften und nach Jahren der Wirtschaftskrise mit mehreren Millionen Schulden Konkurs gemacht haben, sie mögen in diesem Sinn keine Engel gewesen sein - aber sie hinterliessen auch hohe Aktiven, mehrere Theater mit Gebäu- debesitz in Berlin und, viel entscheidender: Sie wa- ren noch gar nicht überzeugt, am Ende zu sein. Sie glaubten fest, den geschäftlichen Untergang - wie schon einige Male zuvor - im letzten Moment aufhal- ten zu können. Alfred Rotters Abreise aus Berlin fiel auf den 8. oder 9. Januar 1933.11 Ob Alfred Rotter Geld bei sich hatte, als er und seine Frau damals, etwa vier Mona- te vor ihrem Tod Deutschland für immer verliessen, ob es tatsächlich über 20 000 Reichsmark aus dem Vorverkauf von «Ball im Savoy» waren, die seine Frau Gertrud bei der Kassiererin Johanna Güse ab- geholt hatte,12 lässt sich nicht mehr bestimmen. Sa- gen lässt sich nur, dass dies nie und nimmer ein Grund gewesen wäre, Alfred und Gertrud Rotter am 5. April 1933 in den Tod zu treiben. Im Juni 1931, anderthalb Jahre zuvor, hatte Fritz Rotter bei der Schweizerischen Volksbank in St. Mo- ritz noch Fr. 27 261.- besessen.13 Wahrscheinlich 
hatte dieses Geld zwischenzeitlich mehrmals herhal- ten müssen, um Löcher im Berliner Theaterhaushalt zu stopfen, so wie das für die Fr. 30 000 - belegt ist, die Gertrud Rotter zur gleichen Zeit in der Schweiz besessen hatte.14 Denn öffentliche Subventionen hat- ten die Rotter für ihre Aufführungen nie erhalten. Der geäusserte Verdacht, «ein nicht unerheblicher Be- trag» solle «beiseite geschafft worden sein», war der Hauptgrund für die schnellen Schritte der Berliner Justiz gewesen.15 Zur Frage der «Überschuldung» des Rotter-Büh- nen-Konzerns wollte sich eine Woche vor ihrem Tod selbst der vom Generalstaatsanwalt bestellte Buch- prüfer Donath, der den Rotter «unglaubliche[n] Leichtsinn» vorwarf,16 nicht abschliessend äussern, «weil die Grundstücke nach ihrem tatsächlichen Wert höher zu bewerten sind, als buch- und bilanz- mäßig ausgewiesen wird. Die Frage steht und fällt deshalb mit dem Wert der Grundstücke.»17 Selbst der «Amtliche Buch- und Betriebsprüfer» Morwinski vom Finanzamt Berlin-Mitte, der am 28. November 1932, anderthalb Monate vor der Pleite, einen 89-sei- tigen Prüfungsbericht über die Liquidität des «Rot- ter-Bühnen-Konzerns» ablieferte, meinte verhalten optimistisch, dass «die Theaterbetriebsgesellschaf- ten sämtlich rentabel sind und wohl in der Lage wären, Steuern zu zahlen, wenn sie über ihre Be- triebseinnahmen frei verfügen könnten. ... Wie sich die Verhältnisse weiter gestalten werden, ist natür- lich ungewiss, da schwer vorauszusagen ist, ob die gespielten Stücke beim Publikum Anklang finden». Ursache für die Konzernschulden sei, dass die Brüder Rotter «mehr von den Gesellschaften vereinnahmt als für sie ausgegeben» hätten und dass diese verein- nahmten Barbeträge «heute nicht mehr vorhanden» sind.18 Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit flössen sie in private Schuldentilgung. Die Rotter hatten offenbar grosse Summen an der Börse verspielt. Die hohen Gewinne aus der Lehär- Aufführung «Friederike» 1928 waren - soweit sie dem Buchhalter der Rotter, Conrad Wolff, bekannt waren -, «zum Teil verspekuliert» worden.19 Ein Ab- teilungsdirektor der Dresdner Bank, Stadtzentrale Berlin, sagte als Zeuge aus, dass die Rotter am 31. De- zember 1928 - Silvester schienen ihnen kein Glück zu 32
        

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