«Bei dieser klassischen Laufbahn vom Frontkämp- fer zum Nationalsozialisten verwundert nicht, dass Roeckle nur Verachtung übrig hatte für die Demo- kratie, für das liechtensteinische System und für die neuen liechtensteinischen ; nicht , sondern  waren ihm entscheidend, Liechtenstein sollte nach deutschem Muster , die liechtensteinische Ehre wie- derhergestellt werden.»™ Die Folgen des Überfalls auf die Rotter tangierten, wie bereits angesprochen, unmittelbar das Verhältnis zwischen Liechtenstein und dem Deutschen Reich.56 Die am Komplott beteiligten deutschen Nationalso- zialisten waren in Feldkirch inhaftiert worden. Der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler beantragte die Freilassung dieser Männer, währenddem die liech- tensteinische Regierung deren Auslieferung nach Va- duz verlangte. Nachdem aber die Reichsregierung ihr «Bedauern» über die Beteiligung deutscher Staats- angehöriger ausdrücken Hess, zog Liechtenstein den Auftrag auf Auslieferung der Deutschen zurück. Die Mitverschwörer wurden sodann an Deutschland aus- geliefert, wo ihnen formell in Konstanz der Prozess gemacht und gegen sie dann tatsächlich geringe Haftstrafen verhängt wurden. «EIN VERSUCHTER MENSCHENRAUB WIRD BAGATELLISIERT» Ebenfalls 1997 erschien die Publikation «Alsleben alias Sommerlad. Liechtenstein, die Schweiz und das Reich» aus der Feder von Ursula Riederer und And- reas Bellasi. In ihrer Studie widmen sie das Kapitel «Opfer und Täter: Ein versuchter Menschenraub wird bagatellisiert» ausschliesslich dem Überfall auf die Rotter. Dieses 18-seitige Kapitel trägt den Unter- titel «Antisemitismus in Liechtenstein»57 und schil- dert Planung sowie Ablauf des Komplotts detailliert. Dabei stützten sich die Autorin und der Autor58 auf Aktenmaterial aus dem Liechtensteinischen Landes- archiv in Vaduz ab. Andreas Bellasi und Ursula Riederer bringen eine neue Facette ein, indem sie daraufhinweisen, dass 
die Rotter und der ebenfalls aus Deutschland stam- mende Architekt Ernst Sommerlad miteinander Be- kanntschaft hatten. - Diesem seit 1924 in Liechten- stein wirkenden Architekten ist die Studie von Riede- rer und Bellasi in erster Linie gewidmet, wobei damit auch ein wesentliches Stück Zeitgeschichte darge- stellt wird. - Ernst und Gertrud Sommerlad verkehr- ten häufig im Vaduzer «Waldhotel», wo auch die Rot- ter in den Tagen vor dem Entführungsversuch lo- gierten. Es war dort im «Waldhotel», wo sich Rudolf Schädler bei den Entführungsopfern einschmeichel- te. «Er war sehr freundlich, und er machte auf uns ei- nen grossartigen Eindruck», gab Fritz Rotter später zu Protokoll. Die Rotter äusserten den Wunsch, ein- mal einen Ferienaufenthalt im Kurhaus Gaflei zu ver- bringen. Schädler lud sie daraufhin zu einem Ausflug dorthin ein.59 - Der weitere Ablauf der Ereignisse ist bekannt. Ernst Sommerlad hatte vorgängig von der Ausflugsabsicht seiner Bekannten erfahren und hat- te die Rotter zur Vorsicht gemahnt. Die Gesinnung Schädlers war bekannt, doch hielt Sommerlad den «musikalischen Hotelier» nicht für fähig, ein Verbre- chen zu verüben. Sonst hätte er die Rotter wohl noch eindringlicher gewarnt.611 ZUSAMMENFASSUNG Drei Tage nach dem Überfall auf die Rotter berichte- ten die Liechtensteiner Zeitungen relativ ausführlich über die tragischen Vorkommnisse, wobei der Be- richt im «Liechtensteiner Volksblatt» genauer und detaillierter ist als die Darstellung in den «Liechten- steiner Nachrichten». Das «Volksblatt» als Organ der regierenden Fortschrittlichen Bürgerpartei verurteilt das Tun der Entführer scharf, währenddem die «Nachrichten» als Medium der oppositionellen Volkspartei die Tat an sich zwar ebenfalls missbillig- ten, doch den Motiven der Täterschaft Verständnis entgegenbrachten. Die Einbürgerungspolitik der Re- gierung, die Juden aus Deutschland bereitwillig als Liechtensteiner akzeptierte, war der Opposition im- mer wieder ein Dorn im Auge gewesen. Zum Teil voneinander abweichende Berichte in den Zeitungen boten Stoff für unterschiedliche Dar- 28
        

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