ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS / KLAUS BIEDERMANN «KRISENZEIT» IN LIECHTENSTEIN Die wohl umfassendste Arbeit zur liechtensteini- schen Geschichte der 1930er Jahre stellt das Buch «Krisenzeit. Liechtenstein in den Dreissigerjahren 1928-1939», verfasst von Peter Geiger, dar. Das zweibändige Werk erschien 1997. Auf über 1000 Sei- ten widmet sich der Autor dieser schwierigen Zeit- epoche, in denen das Fürstentum innenpolitische Turbulenzen sowie Anfeindungen von aussen zu be- wältigen hatte. Dem Überfall auf die Rotter und den daraus resultierenden Folgen sind allein 16 Seiten gewidmet.50 Dazu ergänzend wird immer wieder Be- zug auf diese tragischen Vorkommnisse genom- men.51 Das dabei gelieferte Bild ist fundiert und ab- gerundet, hat Peter Geiger doch - wie niemand zuvor - das relevante Archivmaterial gesichtet.52 Auch führte der Autor Interviews mit Rudolf Schädler und mit Peter Rheinberger, beides Täter und Zeitzeugen zugleich.53 Der zentrale Stellenwert von Peter Geigers Untersuchungen zeigt sich auch darin, dass aufsein Werk auch im vorliegenden Aufsatz immer wieder Bezug genommen wird. Peter Geigers Untersuchungen bestätigen die Presseerklärung der Regierung vom April 1933, wo- nach die am Entführungsversuch mitbeteiligten deutschen Nationalsozialisten nicht die eigentlichen Drahtzieher des Komplotts waren. Es war vielmehr der in Konstanz studierende Peter Rheinberger ge- wesen, der die Aufgabe hatte, deutsche Helfer für das Vorhaben zu gewinnen. Rheinberger seinerseits war von seinem Verwandten Rudolf Schädler angesta- chelt worden. Schädler hatte vorgängig mit Franz Roeckle den Plan zur Entführung der Rotter bespro- chen. Peter Geiger sieht in Franz Roeckle den «ideo- logischen Mentor» der Verschwörer. Tatsächlich hat- te der 1879 geborene Franz Roeckle seit seinem 17. Lebensjahr in Deutschland gelebt. Er hatte in Stutt- gart Architektur studiert, war Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und wurde bereits 1923 Gönner und 1932 Mitglied der NSDAP. Da er im Auftrag der Gemeinde Vaduz das Rathaus baute, weilte er seit 1931 wieder häufig in Liechtenstein.54 Zu Roeckles ideologischem Hintergrund schreibt Geiger: 
43) Bellasi, Andreas; Riederer, Ursula: Alsleben alias Sommerlad. Liechtenstein, die Schweiz und das Reich. Zürich, 1997. - Im Fol- genden zitiert als: Bellasi, Riederer. 44) Geiger. Krisenzeit. Band 1. S. 342-358. sowie mit zahlreichen weiteren Bezugnahmen: Bellasi. Riederer. S. 97-114. 45) Joseph Walk wurde 1914 im schlesischen Breslau geboren. Er emigrierte 1936 nach Israel. In Jerusalem studierte er Pädagogik und jüdische Geschichte. Von 1978-1983 sowie 1992 leitete er das Leo Baeck Institute in Jerusalem. Diese Organisation mit Zweigstel- len in New York und London machte es sich zur Aufgabe, die deutschsprachige jüdische Kultur in Mitteleuropa zu erforschen und - nach Möglichkeit - zu erhalten. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. Joseph Walk: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945. Hrsg. Leo Baeck Institute Jerusalem. München, 1988. 46) Walk, Joseph: Liechtenstein 1933-1945. Nationalsozialismus und Mikrokosmos. In: Büttner, Ursula (Hrsg.): Das Unrechtsregime. Inter- nationale Forschung über den Nationalsozialismus. Bd. 1. Hamburg. 1986, S. 376-425; zum Überfall auf die Rotter insbesondere: S. 380- 382. Falsch ist der Hinweis auf den «liechtensteinischen Studenten Theodor Graetz», der vier deutsche Reichsangehörige gedungen hat- te, die daraufhin «mit Hilfe von weiteren Liechtensteinern» den Über- fall organisiert hatten (vgl. ebenda, S. 381). Theodor Graetz. ein Kon- stanzer Studienkollege von Peter Rheinberger, war vielmehr einer der deutschen Mithelfer beim Entführungsversuch. 47) Carl. Horst: Liechtenstein und das Dritte Reich. Krise und Selbst- behauptung des Kleinstaates. In: Press, Volker; Willoweit, Dietmar (Hrsg.): Liechtenstein. Fürstliches Haus und staatliche Ordnung. Va- duz, 1987, S. 419-464. Der Beitrag von Horst Carl entstand im Rah- men eines Oberseminars zum Fürstentum Liechtenstein, welches von der Universität Tübingen organisiert wurde und im September 1984 in Vaduz stattfand. Horst Carl. 1959 in Aachen geboren, stu- dierte in Bonn und Tübingen Geschichte, Germanistik und Philoso- phie. Seit 2001 ist er Professor für Neuere Geschichte an der Univer- sität Glessen. 48) Krebs, Gerhard: «Zwischen Fürst und Führer. Liechtensteins Beziehungen zum  ». In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands. Hrsg. Erdmann, Karl Dietrich; Rohlfes, Joachim; Boockmann, Hartmut. Jahrgang 39. Heft 9. Velber, Wien, Zug, 1988, S. 548-567. 49) Wille. Herbert: Landtag und Wahlrecht im Spannungsfeld der politischen Kräfte in der Zeit von 1918-19.39. In: Liechtenstein Politische Schriften. Hrsg. von der Liechtensteinischen Akademi- schen Gesellschaft. Heft 8. Vaduz. 1981. S. 59-216. Zum Überfall auf die Rotter siehe ebenda, S. 77 f. 50) Geiger, Krisenzeit. Band 1. S. 342-358. 51) Siehe dazu die Einträge im Register ebenda. Band 2, S. 574, unter «Rotter»: 18 Seitenverweise für Band 1 sowie deren neun für Band 2. 52) Eine Auflistung der benutzten Archive findet sich ebenda in Band 1 auf S. 17. 53) Ebenda, S. 19. 54) Ebenda, S. 344. 27
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.