IM SPIEGEL DER HISTORISCHEN FORSCHUNG KEINE ERWÄHNUNG IN HEIMATKUNDLICHEN PUBLIKATIONEN In den vergangenen Jahrzehnten erschienen zahl- reiche Publikationen über Liechtenstein - Abhand- lungen sowie Bildbände, die vornehmlich in der Ru- brik «Heimatkunde» abzulegen sind. Es handelt sich dabei grösstenteils um lesens- und betrachtenswer- te Publikationen, die teilweise auch geschichtliche Ereignisse der 1930er Jahre erwähnen und ansatz- weise darstellen, jedoch ohne dabei Wissenschaft- lichkeit beanspruchen zu können. Eine Bezugnahme auf die tragischen Ereignisse des 5. April 1933 fehlt vollständig. Anhand einiger dieser Publikationen soll dies exemplarisch aufgezeigt werden. Im von Adulf Peter Goop verfassten und 1973 er- schienenen Buch «Liechtenstein gestern und heute» - grundsätzlich ein wertvolles Heimatbuch, das ge- schichtliche Ereignisse, zeichnerisch ergänzt und veranschaulicht durch Josef Seger, lebendig erschei- nen lässt- sind immerhin rund 20 Seiten den beweg- ten 1930er Jahren gewidmet.20 Sowohl der «Liech- tensteiner Heimatdienst» wie auch die nationalso- zialistisch orientierte «Volksdeutsche Bewegung» in Liechtenstein erhalten eigene kleine Kapitel, doch wurde auf eine namentliche Nennung irgendwelcher Akteure, die in diesen Gruppierungen tätig waren, verzichtet.21 Darüber hinaus suchen wir vergeblich nach einem Hinweis auf das Verbrechen an den Ge- schwistern Rotter. Dem Musiker und Wurzelschnitzer Rudolf Schäd- ler, einem der Drahtzieher der Rotter-Entführung und dem späteren Mitinitiator der «Volksdeutschen Bewegung» in Liechtenstein, wurde 1989 ein eigener Bildband gewidmet.22 Im Zentrum dieses Buches steht das künstlerische Schaffen des ehemaligen Gaflei-Wirts Schädler. Sein fragwürdiges politisches Engagement in den 1930er und 1940er Jahren fand jedoch mit keiner Silbe Erwähnung. Folglich fanden auch die schrecklichen Geschehnisse des 5. April 1933 auf Gaflei keinerlei Widerhall in diesem Buch. 
Einige Jahre später, 1993, erschien das von Franz Büchel redigierte Werk «Liechtensteiner Zeittafel», eine Sammlung von Jahreszahlen und den damit ver- bundenen Ereignissen. Alles in allem ist dies ein ver- dienstvolles und nützliches Nachschlagewerk. Allein für das Jahr 1933 finden sich 21 Einträge, darunter auch der Vermerk auf die erste Ausgabe der Zeitung «Liechtensteiner Heimatdienst».23 Ein Hinweis auf die versuchte Entführung der Rotter fehlt. Noch für die Zeit der 1980er Jahre kann folgendes geltend gemacht werden: Einerseits war die Erinne- rung an dieses Verbrechen noch nicht verblasst - zu- mindest nicht bei der älteren Generation -, anderer- seits war die liechtensteinische Täterschaft noch teil- weise am Leben: Lediglich Franz Roeckle24 und Eu- gen Frommelt waren bereits 1953 beziehungsweise 1970 gestorben.25 Rudolf Schädler verstarb hochbe- tagt im Jahr 1990,25 währenddem Peter Rheinberger als Letzter im Jahr 1997 verschied.27 Dies mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass eine detaillierte wissenschaftliche Aufarbeitung der tragischen Vor- kommnisse vom 5. April 1933 lange Zeit nicht in An- griff genommen wurde. Ein weiteres, soziales und psychologisches, Element darf zudem nicht ausser Acht gelassen werden: In der kleinräumigen liech- tensteinischen Gesellschaft - in der sich die Men- schen (noch) «kennen» - ist gewiss die Neigung da, unschöne Ereignisse, in die sich Mitglieder von ge- achteten Familien schuldhaft verstrickt hatten, «ru- hen» zu lassen; das heisst: Unerfreuliches sollte nicht «unnötig» wieder «aufgewärmt» oder ans Licht ge- zerrt werden. - Andererseits war vieles noch nach- zulesen: Die (zugänglichen) Zeitungsausgaben hat- ten, wie wir gesehen haben, seinerzeit im Jahr 1933 eingehend und teilweise in deutlicher Sprache den Überfall auf die Rotter beschrieben und kommen- tiert. POLITISCHE INSTRUMENTALISIERUNG Ein Vorkommnis im Vorfeld der liechtensteinischen Landtagswahlen von 1962 illustriert, dass der Über- fall auf die Rotter rund 30 Jahre später noch keines- wegs in Vergessenheit geraten war. In einem anony- 22
        

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