Die Unterscheidung männlicher und weiblicher Schädel erfolgt anhand von Robustizitätsmerkma- len. Dabei muss auch der durchschnittliche Körper- bau der Bevölkerung berücksichtigt werden, wel- cher ein Individuum angehörte. An den Langknochen lassen ebenfalls vor allem Robustizitätsmerkmale und Grössenunterschiede Rückschlüsse auf das Geschlecht zu. Im Allgemei- nen sind die weiblichen Langknochen kürzer und dünner als die männlichen. Überdies weisen sie ein geringeres Muskelrelief auf. Die geschlechtsdifferenzierenden Merkmale der Bestattung von Grab 1 sind an Becken, Schädel und Langknochen typisch weiblich, obwohl das Indivi- duum zum Zeitpunkt des Todes noch nicht ganz aus- gewachsen war. Die an beiden Ellbogengelenken der Oberarme vorhandene natürliche Durchlochung (Fossa coronoidea) ist ebenfalls ein Merkmal, das gehäuft bei Frauen und insbesondere am linken Oberarmknochen vorkommt (Abb. 2).5 ALTERSBESTIMMUNG UND KÖRPERGRÖSSE Die Altersdiagnose am Skelett orientiert sich am Auftreten von Knochenkernen, an der Zahnent- wicklung, am Abnutzungsgrad der Zähne sowie an den Verschleisserscheinungen im gesamten Gelenk- bereich, an der Verknöcherung der Schädelnähte und am Schluss der Wachstumsfugen (Epiphysen), insbesondere zwischen Schaft und Gelenkköpfen der Langknochen. Das Sterbealter von Jugendlichen und Früher- wachsenen, deren Alter zwischen 14 und 23 Jahren liegt, lässt sich in erster Linie anhand des Grads der Verschmelzung von Knochenenden und Knochen- rändern mit dem zugehörigen Hauptknochen be- stimmen (Epiphysenfugen-Verschluss). Immer muss jedoch auch die individuelle Variati- on im Auftreten dieser Merkmale in Abhängigkeit von der Bevölkerungsgruppe, der familiären Konsti- tution, dem Klima, der Ernährung, der Arbeitsbela- stung und anderen Faktoren mit berücksichtigt werden. 
Am Schädel der Bestattung aus Grab 1 sind alle Knochennähte noch nicht verwachsen. Insbesonde- re ist die Knochennaht zwischen dem Basisteil des Hinterhauptknochens und dem Keilbein noch offen. Dies ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass das Kno- chenwachstum zum Zeitpunkt des Todes noch nicht abgeschlossen war. Die Weisheitszähne waren im Oberkiefer noch klein, aber wohl schon durchgebro- chen. Sie konnten nicht mehr gefunden werden. Die Zahnfächer sind leer und nicht verwachsen. Im Un- terkiefer stecken die dritten Molaren mit der Krone teilweise noch im Knochen (Abb. 9 und 11). An den Langknochen sind mit Ausnahme der unteren Ge- lenk-Enden an Elle und Speiche die Wachstumszo- nen verschlossen. Alle Verwachsungsnähte sind aber noch sichtbar (Abb. 2). Die Gesamtbeurteilung aller Altersmerkmale er- gibt, dass es sich bei den Gebeinen von Grab 1 um die Überreste einer etwa 18 bis 19 Jahre alten Frau handelt. Aus den Längenmassen beider Oberarm-, Ober- schenkel- und Unterschenkelknochen konnte eine Körpergrösse von etwa 163 cm errechnet werden. MORPHOLOGIE UND EPIGENETICA (ANATOMISCHE VARIANTEN) Die Ausformung der Knochen (Morphologie) trägt zum Erscheinungsbild eines Menschen bei. Der Hirnschädel des Skeletts aus Grab 1 (vgl. dazu Abb. 3 bis 7) ist in vertikaler Aufsicht ovoid, das heisst, seine grösste Breite befindet sich im Bereich der Scheitelbeinhöcker. Die Hinterhauptansicht ist haus- förmig. Seine grösste Breite liegt tief auf den Schlä- fenschuppen. In Seitenansicht kann eine steile Stirn und ein gut ausgeformtes Hinterhaupt mit Tendenz zur Chignonbildung beobachtet werden. Der Ver- lauf der Schädelnähte ist unruhig. Sie enthalten Schaltknochen, welche durch zusätzliche Knochen- kerne entstanden sind. 5) Czarnetzki (1972) und Czarnctzki (2000). 248
        

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