EIN FRÜHMITTELALTERLICHES FRAUENGRAB AM «RUNDA BÖCHEL» IN BALZERS / MARIANNE LÖRCHER Auf dem «Runda Böchel»1 in Balzers wurde 1982 anlässlich archäologischer Untersuchungen das Grab einer etwa 19-jährigen Frau gefunden, die ir- gendwann zwischen 608 und 786 nach Christus ge- storben ist. Die ungefähr 163 cm grosse Person litt offensichtlich an einer chronischen Infektion im Be- reich der Kieferhöhlen und der Atemwege. Zusam- men mit einer aufgetretenen Erkältung mag die Krankheit bereits in jungen Jahren zum Tod der Frau geführt haben. Wie mit Hilfe anthropologi- scher Fragestellungen ein Blick zurück auf ihr Le- ben möglich ist, soll im nachfolgenden Bericht auf- gezeigt werden. Erinnerungen, Geschichten, Schrift- und Bild- quellen legen Zeugnis ab von unserer jüngsten Ver- gangenheit. Die materielle Hinterlassenschaft des Menschen - Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Schmuck, Waffen, Überreste von Gebäuden etc. - erlaubt den Archäologen einen Blick zurück in längst vergangene Zeiten. Wenn bei Ausgrabungen auch menschliche Gebeine gefunden werden, be- steht unter Umständen die Möglichkeit, den Men- schen selbst, der all diese Objekte irgendwann her- gestellt und gebraucht hat, näher kennen zu lernen. Mit Hilfe anthropologischer Untersuchungsmetho- den erhalten wir von ihm im Rahmen der Auswer- tung archäologischer Grabungen ein Signalement, das uns Auskunft über Körpergrösse, Alter, Ge- schlecht und besondere Merkmale gibt. Oft sind die Knochen sogar die einzigen Quellen, die über das Leben eines Menschen Auskunft geben. Der «Rund Böchel» zählt zusammen mit dem Burghügel Gutenberg zu den geschichtsträchtigsten Fundstellen des Fürstentums Liechtenstein. Auf dem Burghügel finden sich Spuren menschlicher Anwesenheit von der Jungsteinzeit bis ins Spätmit- telalter. Die Hügelformation zeichnet sich durch ihre geografische Lage am Rhein und am Weg über den Pass St. Luzisteig speziell aus. Sowohl das Rheintal als auch die St. Luzisteig sind vom «Runda Böchel» aus einsehbar und zugänglich. Diese Lage mag dazu beigetragen haben, dass der Hügel immer wieder auch als Bestattungsort gewählt worden ist. Im Rahmen der Aufarbeitung der spätbronzezeit- lichen und eisenzeitlichen Brandbestattungen, die 
1981 bis 1983 während Ausgrabungen beim «Run- da Böchel - Areale Foser und Kaufmann» in Balzers gefunden wurden, sind im Auftrag der Liechtenstei- nischen Archäologie drei Körperbestattungen sowie verschiedene, nicht verbrannte menschliche Kno- chenreste anthropologisch untersucht worden.2 Über Grab 1 (Luv. Nr. Q 0115/0127) wird nachfol- gend ausführlich berichtet. Da dieses Körpergrab inmitten der Brandgräber aus der Eisenzeit gefun- den worden ist, galten erste Untersuchungen der Frage, ob es sich dabei um eine Sonderbestattung innerhalb der Urnengräber handelt oder ob es dem bereits früher gefundenen frühmittelalterlichen Friedhof3 angehörte. Knochenproben, mittels der 14C-Methode datiert, ergaben ein Sterbedatum in der Zeit zwischen 608 und 786 nach Christus.4 Das «Portrait» der frühmittelalterlichen Bestattung soll veranschaulichen, dass Gebeine nicht nur vom Tod eines Menschen berichten, sondern auch Geschich- ten aus seinem Leben zu erzählen vermögen. 1) Schreibweise des Flurnamens gemäss Liechtensteiner Namen- buch. Vgl. Banzer: Hübe; Stricker (1999). S. 206. 2) Lörcher (2001). 3) Bill; Etter (I981). 4) 14C-AMS Datierung am Institut für Teilchenphysik an der ETH Zürich: Labor Nrn. ETH-23375 und ETH-23380. 245
        

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