DAS BILD DES FÜRSTEN SASCHA BUCHBINDER / MATTHIAS WEISHAUPT FURSTENT 
i. -M IM 1986 1987 
1988 DER FÜRSTLICHE LENKER Ein weiteres, die Vaterrolle ergänzendes Erschei- nungsbild des Fürsten ist dasjenige des fürstlichen Lenkers. Um dieses richtig zu verstehen, gilt es zwei- erlei zu beachten: erstens die Kontinuität des liech- tensteinischen Fürstenhauses und zweitens den be- sonderen Augenblick, da dieses Haus im Gebiet der damaligen Herrschaft Schellenberg in Erscheinung trat. Liegt doch dieser Moment am Ende des 17. Jahr- hunderts, also an jener Epochengrenze, welche Fou- cault als die des zweiten epistemologischen Bruches bestimmt hat, in der sich neue Wissensformen her- ausbilden, wobei im vorliegenden Zusammenhang vor allem die neuen Disziplinen der Staatslehre und Ökonomie prägend wirkten. Diese Wissensfelder hat- ten zur Folge, dass die neuen politischen Eliten ver- suchten, einen Begriff von Staat und Staatlichkeit zu entwickeln, der dieses Wissen in Verwaltungspraxis umsetzen sollte. Um die Konsequenzen dieses Wan- dels zu verstehen, empfiehlt sich Joseph Vogls Ab- handlung zur «Poetik des ökonomischen Menschen» als Ausgangspunkt weiterer Überlegungen.'27 Inter- essant für das historische Verständnis des Bildes des Fürsten ist - vereinfacht gesagt - der Zusammen- hang zwischen den Versuchen, um 1800 den Staat als Ganzes wissenschaftlich zu erfassen, und dem Vorbild, an welchem sich dieses Bemühen orientier- te und welches das staatswissenschaftliche Denken folglich präformierte: die erfolgreiche Erschliessung des menschlichen Körpers als neuem Wissensfeld.128 Im 18. Jahrhundert führte dies zur Entwicklung eines neuen Menschenbildes, wobei der Körper nun- mehr nicht mehr bloss doppelt, sondern dreifach ge- dacht wurde. Nebeneinander existierten von nun an der natürliche Körper, der metaphysische sowie neu ein «erkünstelter» menschlicher Körper, der sich va- riabel und in zu bestimmender Grösse in einem Mi- lieu sozialer Netze bewegte, ein Körper, den wir heu- te als statistische Grösse bezeichnen würden. Um ihn zu erfassen, akkumulierten die Verwaltungen Un-mengen 
an Informationen. Das enzyklopädische Wissen mündete in das Ideal eines Steuerungswis- sens, mittels dessen der soziale Körper gepflegt und seine Entwicklung lenkbar werden sollte. Denn an- ders als im feudalen Zeitalter beruhte der Reichtum der sich herausbildenden Staatlichkeit nicht mehr auf der Abschöpfung von Gütern, sondern auf der Annahme einer generellen Wertschöpfung, was zur Konsequenz hatte, dass die Menschen eines Landes zu seinem primären Reichtum avancierten.129 Die Geschichte von Fürstenhaus und Fürstentum hat ihren Ausgangspunkt also an einer Wegscheide der europäischen Geschichte. Das bedeutet, dass die neuen Herrscher an der Wende zum 18. Jahrhundert für Liechtenstein nicht einfach ein weiteres Herr- schergeschlecht waren, sondern einen neuen Herr- schertypus darstellten. Die Quellen spiegeln dieses Streben nach einem gewandelten Staatsmodell und die neuen Anforderungen an die Bevölkerung wie auch an die Repräsentanten der Obrigkeit. Im Zuge der Etablierung der neuen Herrschaft scheinen diese Belege für den angestrebten Wandel 123) Ansprache von Landtagsvizepräsident Dr. Karlheinz Ritter an- lässlich des Festaktes zum 70. Geburtstag S.D. Fürst Franz Josef II. am 14. August 1976. Liechtensteiner Vaterland, 17. August 1976, zitiert nach Liechtenstein 1938-1978, S. 485. 124) Kantorowicz. The King's Two Bodies, S. 273-450. 125) Geiger, Liechtenstein, S. 247 f. 126) N.N.: Liechtenstein sucht «Wörter des Jahres». In: St. Galler Tagblatt, 13. November 2003, S. 13. - Zur Aussage von Klaus Wan- ger vgl. Leserbriefe im Liechtensteiner Volksblatt vom 21. Januar 2002, S. 8. 127) Vogl, Joseph: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomi- schen Menschen. München. 2002. 128) «Die Systematisierung politischen Wissens und die Genese einer systematisch begriffenen anthropologischen Figur gehören also zusammen. Die Wirklichkeit des Menschen und die Konjunktur der anthropologischen Frage nehmen seit Hude des 17. Jahrhun- derts den Raum einer fehlenden Gesellschaftstheorie ein und sind durch ihren sozial-politischen Frklärungsraum begründet». Vogl, Kalkül, S. 42. 129) Ebenda, S. 79. 217
        

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