ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS / KLAUS BIEDERMANN «Vier Liechtensteiner Nationalsozialisten wollen die Gebrüder Schaie (Rotter), zwei Berliner Juden, die sich in Liechtenstein einbürgern dessen, ins Deut- sche Reich entführen. Beim Entführungsversuch auf Gaflei stürzen Alfred Schaie und seine Frau Gertrud in der Erblerüfe zu Tode. Die Entführer werden ge- fasst und zu Gefängnisstrafen verurteilt.» - Dieser Eintrag ist in der 1999 erschienenen Chronologie «1699 - 1999. Liechtensteins Weg. Ein Gang durch drei Jahrhunderte» in der Rubrik der nationalen Er- eignisse des Jahres 1933 zu finden.1 Um diesen «po- litischen Kriminalfall»2 rankten sich jahrzehntelang Gerüchte. Erst in den 1980er Jahren wurde mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser Tragödie be- gonnen. Bedauerlicherweise hat dabei, sogar in se- riösen Studien, der Begriff «Rotter-Affäre» Eingang gefunden. Dies stellt - wenn auch ungewollt - eine Verharmlosung der damaligen Ereignisse dar. Hin- gegen ist das obige Eingangszitat ein Versuch, die ge- samte Tragweite des Verbrechens zu erfassen: Im Zentrum stehen dabei die namentlich genannten Op- fer, menschliche Einzelschicksale, währenddem die Täterschaft - Menschen, von deren Denk- und Hand- lungsweise es damals Unzählige gegeben hatte - hier in der Anonymität verbleibt. Ziel der nachfolgenden Betrachtungen ist es, den bislang veröffentlichten schriftlichen Hinweisen zum Verbrechen an den Rotter nachzugehen. Solche Hin- weise finden sich in den Zeitungen, aber auch in Buchpublikationen. Bei den Zeitungsartikeln be- schränke ich mich auf die in Liechtenstein unmittel- bar nach dem traurigen Geschehnis veröffentlichten Berichte. Hingegen berücksichtige ich bei geschicht- lichen Darstellungen, die in Buchform publiziert wur- den, sämtliche relevanten Werke, die sich (auch) mit den spezifischen Ereignissen des Jahres 1933 in Liechtenstein befassen. Es wird sich zeigen, ob und inwieweit das Verbrechen Erwähnung und Darstel- lung findet. 
PRESSEBERICHTE Sowohl das «Liechtensteiner Volksblatt» wie auch die «Liechtensteiner Nachrichten» berichteten - mit un- terschiedlicher Gewichtung- in ihren Ausgaben vom Samstag, dem 8. April 1933 über die tragischen Vor- kommnisse rund um Gaflei. Es lohnt sich, diese Zei- tungsartikel näher anzuschauen, um Nuancen der Berichterstattung aufzeigen zu können. «DER AKT NACH WILDWEST» Auf Seite 2 der oben erwähnten Ausgabe berichtet das «Liechtensteiner Volksblatt» wie folgt: «Der Ueberfall auf die Gebrüder Rotter. Am Mittwochnachmittag wurden die Gebrüder Rotter in Gaflei von sieben Burschen überfallen und zu entführen versucht. Das unverantwortliche Be- ginnen endigte mit dem Tod des Alfred Rotter und dessen Frau Gertrud. Rudolf Schädler von Gaflei lud die Brüder Rotter am Mittwoch ein, einmal Gaflei anzusehen, um dort imSommer Wohnsitz zu nehmen. Ahnungslos bestie- gen die Brüder und die Frau Gertrud des Alfred und eine zu Besuch weilende Frau Wolf den Wagen des Herrn Schädler, so nachmittags halb 3 Uhr, um nach dem Höhenkurort zu fahren. In Gaflei angekommen stürzten sieben Burschen auf die Ahnungslosen, arbeiteten mit Betäubungs- mitteln und Schüssen, um die Brüder zu fesseln. Es gelang demAelteren (Alfred) und den beiden Damen nach einem verzweifelten Kampf, gegen das Erble über Ober-Matona zu fliehen, während Fritz Rotter 1) 1699 - 1999. Liechtensteins Weg. fiin Gang durch drei Jahrhun- derte. Installation des OK «300 Jahre Liechtensteiner Unterland 1999» in Zusammenarbeit mit dem Liechtensteinischen Landesmu- seum. Katalog. Red. Pio Schurti. Hrsg. Liechtensteinisches Landes- museum. Vaduz, 1999. 2) Peter Geiger: Krisenzeit. Liechtenstein in den Dreissigerjahren 1928-1939. Vaduz. Zürich. 1997 (zweite, durchgesehene Auflage: Vaduz, Zürich, 2000), Band 1, S. 342. - Im Folgenden zitiert als: Geiger. Krisenzeit. 17
        

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