DAS BILD DES FÜRSTEN SASCHA BUCHBINDER / MATTHIAS WEISHAUPT DER VÄTERLICHE FÜRST Das Bild des Fürsten, der seinem Volk ein guter Vater ist, gewann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun- derts an Kontur, als die Fürsten nicht mehr nur im fernen Wien residierten, sondern auch einen persön- lichen Bezug zum kleinen Fürstentum am Rhein auf- bauten. Fürst Alois II. hatte 1842 als erster Fürst des Hauses Liechtenstein das Land besucht, blieb für die Bevölkerung aber noch ein ferner Landesherr. Erst sein Nachfolger, Fürst Johann IL, genoss dank sei- nem vielfältigen karitativen Wirken väterliche Ver- ehrung. Im Gedenkblatt zum 50-jährigen Regie- rungsjubiläum las man 1908: «Seinem kleinen Für- stentum war der Fürst stets ein Landesvater im be- sten Sinn des Wortes»,1'3 und 20 Jahre später wird er als «wahrer Landesvater» beschrieben.94 1932 war dem drei Jahre zuvor verstorbenen Fürsten Johann II. bei der St. Laurentiuskirche in Schaan ein Denk- mal errichtet worden mit der Inschrift: «Dem Vater des Volkes - Dem Helfer der Armen - Dem Freunde des Friedens - Dem Hirten der Kunst - Fürst Johann dem Guten».95 Mit dem Beinamen «der Gute» ist er in die Geschichte eingegangen96, und als Mitte der 1950er-Jahre die Idee aufkam, ihm auf dem neu ge- schaffenen Platz vor dem Regierungsgebäude in Va- duz ein Denkmal zu setzen, hiess es im Spendenauf- ruf der Denkmal-Kommission: «Pietätvoll setzen die Kinder ihrem Vater ein Grabmal als Zeichen der Dankbarkeit und innigen Verbundenheit, der Liebe und Treue übers Grab hinaus.»97 Fürst Franz Josef II. hatte 1938 als erster liechten- steinischer Landesherr im Land Wohnsitz genom- men. Er verkörperte die Rolle des Fürsten als Lan- desvater auf exemplarische Weise seit den ersten Jahren seiner Regierungszeit und akzentuierte diese Facette des Fürstenbildes mit Fortdauer seiner Re- gierungszeit. Wesentlichen Anteil an der Verbreitung des Bildes vom guten Landesvater und väterlichen Fürst, der seinem Volk wie einer Familie dient, hat- ten in dieser Zeit die staatlichen Lehrmittel, insbe-sondere 
die Lesebücher.98 Dieser Pflichtlesestoff für die Bevölkerung soll hier ausführlicher behandelt werden, weil damit eine vorzügliche Quelle gegeben ist, in einem weit verbreiteten Medium Geschichts- bilder zu untersuchen. Das Schlusskapitel im «Lesebuch der 1. Klasse» von 1939, das mit dem Landeswappen und einem von «Franz Josef Fürst von Liechtenstein» unter- zeichneten Porträt eröffnet wird, zeigt ein idealtypi- sches Fürstenbild. Das erste Lesestück trägt die Überschrift «Heute kommt der Fürst zu uns» und vermittelt das Bild einer innigen Vater-Sohn-Bezie- hung: «1. Juhe, heute kommt der Fürst! Mutter, schnell essen! sonst komme ich zu spät! Der kleine Franz zittert vor Freude und Glück. Er kann es kaum mehr erwarten, den lieben Landesvater zu sehen.... 3. Da erschallen die Glocken. Laut dröhnen die Böl- ler. Ah, da kommt unser Fürst! Laut jubeln ihm alle zu. Freundlich winkt er nach allen Seiten. 4. In Franz klopft das kleine Herz. Doch mutig tritt er vor und 90) «Wir, Johann II. von Gottes Gnaden souveräner Fürst zu Liech- tenstein, Herzog zu Troppau, Graf zu Rietberg etc. etc. etc. tun hiemit kund, dass von Uns die Verfassung vom 26. September 1862 mit Zustimmung Unseres Landtages in folgender Weise geändert worden ist.» 91) Foucault, Wille zum Wissen, S. 165. 92) Ilausgesotz des Fürstlichen Hauses Liechtenstein vom 26. Okto- ber 1993. In: Liechtensteinisches Landesgesetzblatt. Nr. 100, 1993, Art. 7. 93) In der Maur, Johann IL, S. XXIII. 94) Feger, Johann IL, S. 7. 95) Lesebuch 1938, S. 265. 96) Ospelt, Joseph: Erinnerungsblatt zum hundersten Geburtstag des Fürsten Johann IL Ansprache gehalten bei der 40. Jahresversamm- lung des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein. In: JBL40 (1940), S. 7. 97) Ein Denkmal Fürst Johannes dem Guten. Hrsg. Kommission zur Errichtung eines Fürst Johannes Denkmals. [Vaduz, 1954-571. [1 Bl., 30x21 cm]. 98) Vgl. allg. Martin, Graham: Liechtensteinische Lehrmittel 1835-1965. In: JBL 65 (1966), S. 207-258, v.a. S. 219-238. 211
        

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