DAS BILD DES FÜRSTEN SASCHA BUCHBINDER / MATTHIAS WEISHAUPT 1921 1925 1928 1928 derts. Im Unterschied zum Begriff des  die Aufmerk- samkeit nicht vorschnell auf den wechselnden In- halt. Der Begriff räumt vielmehr den Weg frei für eine Analyse der Politik der Bilder, also für eine Analyse der Verwendung von Bildern in ihrer konkreten hi- storischen Situation. Bilder des Fürsten sind selbst- verständlich auch das, was im eingeübten Wortsinn darunter verstanden wird - figurative Darstellungen wie Gemälde oder Briefmarken -, meinen aber pri- mär Darstellung, Selbstdarstellung und Wahrneh- mung des Fürsten als Repräsentanten des Fürstli- chen Hauses oder der Staatsmacht. Ebenso, wie  nicht im alltagssprachlichen Sinn verwendet wird, wird der Fürst von Liechtenstein in unserer Untersuchung nicht in erster Linie als menschliche Person und Individuum gesehen, sondern 
als gemina persona,7 als mit zwei Körpern ausgestattete Person. Der Akzent der Untersuchung liegt dabei primär auf der persona publica, auf dem Fürsten als Repräsen- tanten staatlicher Ordnung in Gestalt seines politi- schen Körpers. Wie radikal verschieden dieser Kör- per vom unverwechselbaren Körper eines Individu- ums ist, lässt sich am Umstand erkennen, dass der politische Körper stets Körper aller Fürsten, der ver- storbenen wie der künftigen, ist.8 Staatlichkeit in anthropomorphen Figuren zu denken ist nicht neu. «Auch das Kollektivum ist leib- haft. Und die Physis, die sich in der Technik ihm orga- nisiert, ist nach ihrer ganzen politischen und sachli- chen Wirklichkeit nur in jenem Bildraume zu erzeu- gen, in welchem die profane Erleuchtung uns hei- misch macht»,9 stellt Benjamin fest. Bereits Thomas Hobbes denkt in seiner 1651 verfassten Abhandlung zum Staatswesen den Staat in diesem Sinn vom Indi- viduum ausgehend. Sein Leviathan10 beginnt mit ei- ner systematischen Untersuchung «Vom Menschen», seinen Empfindungen und der Einbildung, bevor Hobbes zur Sprache und zum Wissen gelangt, um daraus den Staatsaufbau abzuleiten, den er schliess- lich in der Figur eines gigantischen menschlichen 
3) Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften. Band V.l. Hrsg. Rolf Tiodemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M., 1974, S. 596. 4) «Nicht so ist es, dass das Vergangene sein Licht auf das Gegen- wärtige oder das Gegenwärtige sein Licht auf das Vergangene wirft, sondern Bild ist dasjenige, worin das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt. Mit andern Worten: Bild ist die Dialektik im Stillstand. ... Nur dialektische Bilder sind echte (d.h.: nicht archaische) Bilder; und der Ort, an dem man sie antrifft, ist die Sprache.» Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. V.l, S. 576 f. Grundlegend hierzu: Weigel, Sigrid: Entstellte Ähnlichkeit. Walter Benjamins theoretische Schreibweise. Frankfurt a. M, 1997. 5) Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Frankfurt a. M., 1995, S. 155 ff. Das Ziel der Traumdeutung sieht Freud nicht einfach in der Aufdeckung des Wunsches. Er fordert grundsätzlicher: «Die Bezie- hungen des manifesten Trauminhalts zu den latenten Traumgedan- ken zu untersuchen und nachzuspüren, durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist.» Freud, Traumdeutung, S. 284. 6) Der Begriff des historischen Mythos> wird im Wesentlichen aus zwei Gründen vermieden: Erstens haben ideologiekritische Verwen- dungsweisen (welche oft gegenüber den eigenen Prämissen unkri- tisch und ideologisch verfuhren) deutlich gemacht, dass Mythenkritik die Struktur dos Mythos in ihrer Kritik nachbildet und diese - mit umgekehrten Vorzeichen - verdoppelt, statt sie transparent zu machen. Dieser Effekt gründet darin, dass der Begriff des Mythos ein untaugliches Arbeitsinstrument darstellt, weil er keine Aussagen über die Funktionsweise und Struktur eines Mythos zulässt. Der Blick wird stattdessen vom Inhalt des Mythos gefangen. Auch krankt der Begriff daran, dass er, um alle relevanten Bilder zu fassen, inflationär ausgeweitet werden muss, wodurch die Unterschiede zwischen Mythen, Sagen, historischen Erzählungen, illustrierenden Darstellungen und propagandistischen Bildern verschwimmen. Zweitens lenkt der Begriff des historischen Mythos die Auseinander- setzung auf eine Untersuchung des vermeintlichen Gegensatzpaares Mythos versus Realität. Dies sollte vermieden werden, weil die Reproduktion dieser eingeübten Dichotomie verkennt, dass Mythen reale Auswirkungen zeitigen und umgekehrt die Realitäten Mythen zu formen vermögen. Auch kann es nicht darum gehen, eine histori- sche Realität im Sinne einer letzten Wahrheit zu gewinnen, da historische Rekonstruktionen der Vergangenheit stets fragmenta- risch bleiben müssen. 7) Kantorowicz, Ernst H.: The King's Two Bodies. A Study in Medie- val Political Theology. Princeton, 1957, S. 87. 8) Ebenda, S. 314-450. Dazu später mehr. 9) Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. II. 1, S. 310. 10) Hobbes, Thomas. Leviathan. Oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Hrsg. und eingeleitet v. Iring Fetscher. Übersetzt v. Walter Euchner. Frankfurt a. M., 19967. 195
        

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