ZUR ERSTVERÖFFENTLICHUNG DES ROSENBAUM- PLÄDOYERS / URSINA JUD Nationalsozialisten kleben Boykott-Aufrufe an das Schaufenster eines jüdi- schen Modegeschäfts, 1. April 1933. den nationalsozialistischen Terror gegenüber jüdi- schen Menschen herauszugeben. Der C.V. übergab im Sommer 1932 insbesondere ein Exemplar an Reichspräsident Hindenburg, der daraufhin versi- cherte, dass er die Rechte der jüdischen Staatsan- gehörigen schützen werde.60 Hingegen gelang es dem C.V. nicht, Reichskanzler Brüning zu einer öf- fentlichen Stellungnahme gegen den Antisemitis- mus zu bewegen. Stattdessen wies beispielsweise der als Gegner des Antisemitismus bekannte Berli- ner Polizeipräsident Grezinski 1931 darauf hin, jü- dische Frauen trügen an den Feiertagen zu viel Schmuck, was auf die krisengeschüttelte Bevölke- rung provokativ wirken müsse/'1 Juden wurden zum Teil für den ansteigenden Antisemitismus mit- verantwortlich gemacht. Über die Reaktion in der jüdischen Bevölkerung Berlins ist relativ wenig be- kannt. Sicher ist, dass in ganz Deutschland der an- wachsende nationalsozialistische Druck viele Juden massiv einschüchterte. Viele versuchten deshalb, nicht aufzufallen, sich «unsichtbar» zu machen.62 SCHUTZ DURCH ANONYMITÄT Andererseits bot die Anonymität der Grossstädte wie Berlin auch Schutz. Der alltägliche Antisemitis- mus scheint weniger spürbar gewesen zu sein als in ländlichen Gegenden, weshalb Ende der 1920er Jahre, Anfang der 1930er Jahre Juden aus Klein- städten in anonymere Grossstädte wie Berlin zo- gen, wo ihnen auch andere wirtschaftliche Mög- lichkeiten offenstanden.63 So gelangt Henning Köh- ler zum Schluss, dass sich die jüdische Bevölkerung Berlins während der Weimarer Republik im Ver-47) 
Siehe dazu Zimmermann, Juden, 1997, S. llOf. 48) Richarz, Erfolg, 1988, S. 179. 49) Walter, Kriminalität, 1999, S. 209. 50) Brenner, Weimarer Jahre, 2001, S. 175-177. Dem C.V. gelang es noch 1932, in Deutschland insgesamt 200 Prozesse wegen Boykott- propaganda zu gewinnen. Vgl. Paucker, Abwehrkampf, 1969, S. 76. 51) Zu Beginn der Weimarer Republik wurde diesen Schändungen keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt; sie wurden vielmehr als vergleichsweise harmlos eingestuft. Ab 1923/24 änderte sich das Bewusstsein, und der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdi- schen Glaubens begann, die Schändungen zu registrieren und sie publik zu machen. Die Kampagne des C.V. war vorerst erfolgreich und es waren weniger Schändungen zu verzeichnen. Dies änderte sich zu Beginn der 1930er Jahre, Walter, Kriminalität, 1999, S. 164. 52) Walter, Kriminalität, 1999, S. 165. 53) Paucker, Abwehrkampf, 1969, S. 13 f. So formierten sich natio- nalsozialistisch gesinnte Studierende am 5. Mai 1931 vor der Uni- versität und versuchten, jüdische Studierende daran zu hindern, die Universität zu betreten. Jüdische Studierende, die sich widersetzten, wurden zusammengeschlagen, Sievers, Juden, 1977, S. 247. 54) Paucker, Abwehrkampf, 1969, S. 135 f. 55) Barkai, Centraiverein, 2002, S. 259. 56) Walter, Kriminalität, 1999, S. 211-213. 57) Zit. nach Barkai, Centraiverein, 2002, S. 260. 58) Barkai, Politische Orientierungen, 1997, S. 112 f. 59) Schreiben der Zionistischen Vereinigung für Deutschland an die Zionistische Exekutive in London, 12. Juli 1932, abgedruckt in: Juden in Berlin, 1988, S. 241. Ob die Londoner Exekutive eine solche Versicherung abschloss, ist unbekannt. 60) Paucker, Abwehrkampf, 1969. S. 137-139. 61) Ebenda, S. 135. 62) Bergmann/Wetzel, Alltagsantisomitismus, 1989, S. 184 f. 63) Paucker, Abwehrkampf, 1969, S. 133. 13
        

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