DAS KINO IM WIRTSHAUS «RÖSSLE» IN SCHAAN ANNETTE LINGG Die Freizeit und das Wirtshaus In den ersten Jahren nach der Erfindung der Kine- matographie fanden Kinovorstellungen in Wander- kinos statt. Diese bereisten das Land und machten auf Marktveranstaltungen und Kilbis halt. Eine Vor- aussetzungzur Herausbildungvon stationären Kinos war ein Filmverleihsystem. Damit wanderten nun die Filme anstelle der Kinos von Ort zu Ort. Wirtshäuser gehören zu den ersten Orten, in de- nen regelmässig Kinovorstellungen stattfänden, be- vor eigene Kinos gebaut wurden. In ihrem Entwurf einer möglichen Geschichtsschreibung von Kinos stellt Anne Paech eine chronologische Typologie von Kinobauten auf, in der Gaststättenkinos ganz am An- fang der Entwicklung stehen. Darauf folgen Ladenki- nos, Kino-Theater, Lichtspielhäuser, Filmpaläste, Filmtheater und Kino-Center.44 Zu der Zeit, als in Schaan das Gaststättenkino «Rössle» eröffnete, waren Kinos in eigens dafür ge- bauten Häusern demzufolge schon die Regel. Liech- tenstein, das bis in die 1930er Jahre Gaststättenkinos hatte und dessen erster Kinobau Mitte der Vierziger Jahre erfolgte, erfährt hier eine verzögerte Entwick- lung. In der Schweiz wurde das Kino um 1906/07 sess- haft. 1910 gab es in Zürich schon zehn stationäre Ki- nos.45 In ländlichen Gebieten ging diese Entwicklung allerdings langsamer vonstatten. So bereiste die Ki- nofamilie Leuzinger mit ihrem Wanderkinematogra- phen die ländliche Ost- und Zentralschweiz bis ins Jahr 1942.46 Die Zeit für ein eigenes Kino in Schaan scheint 1918 jedoch reif gewesen zu sein, schreiben doch die Gesuchsteller Schlumpfund Kaufmann in ihrem An- trag an die Regierung, dass an jedem noch so kleinen Ort in den Nachbarstaaten Gelegenheit zu Kinobesu- chen geboten sei, nur in Liechtenstein nicht. Die Schaaner Kinobesucher genossen in der Zeit von 1918 bis 1932 im Vergleich zu städtischen Ki- nobesuchern ein eher karges und schmuckloses Kinovergnügen. Während sie auf harten Holz- stühlen im behelfsmässig zum Kino umfunktionier- ten Wirtshaussaal sassen, sprach Siegfried Kracau- er 1926 von den «Palästen der Zerstreuung», den grossen Kinos in Berlin, die sich in Architektur und Ausstattung am Vorbild des Theaters anlehnten, 
und ein pompös wirkendes Vergnügen in gediege- ner Atmosphäre boten.47 Neben saisonalen Festen wie dem Jahrmarkt war das Wirtshaus das Zentrum für geselliges Vergnü- gung und sorgte für Abwechslung zum arbeitsrei- chen Alltag. Das Kino war im «Rössle» nur eine von vielen Möglichkeiten des Amüsements. Überra- schend ist die Vielfalt und grosse Anzahl der in Wirts- häusern stattfindenden Aktivitäten. Die Anzeigen im «Liechtensteiner Volksblatt» werben für Theaterauf- führungen, Konzerte und Tanzveranstaltungen, Preisjassen und Preiskegeln, Schau-Turnen, vieles davon Vereinsanlässe - Laiendarbietungen aller Art, wie sie heute in den Gemeindesälen stattfinden. Das Kino kann nicht isoliert von dieser lokalen Vergnü- gungs- und Unterhaltungskultur gesehen werden, sondern reiht sich in sie ein. Die Wirte erscheinen dabei als findige Unterneh- mer, die in ihrem Haus allerlei Unterhaltungen bo- ten, um Besucher anzuziehen, beziehungsweise bei der Stange zu halten. Damit wurden Gaststätten-Wir- te die ersten Kinobetreiber Liechtensteins. Die Kinoabende waren Teil der Vergnügungen im multifunktionellen Wirtshaussaal, und manchmal wurden zwei Sorten des Amüsements auch ver- knüpft: So verweisen zwei Kino-Annoncen auf eine anschliessende Tanzveranstaltung. Der Saal musste für die Kino-Vorstellungen wenig verändert werden: Der Projektor war dauerhaft in einem separaten Raum aufgestellt, und so musste lediglich die Lein- wand aufgehängt, die Stühle in eine Reihe gestellt 40) LLA RE 1922/5844. 41) LLA RE 1921/3660. 42) Ebenda. 43) LLA RE 1924/805. 44) Paech, Anne: Von der Filmgeschichte vergessen: Die Geschichte des Kinos. Berlin, 1989. S. 44. 45) Manz, Hanspeter: Zur Frühgeschichte des Kinogewerbes in der Schweiz. Zürich. 1968. S. 39. 46) Ebenda, S. 38. 47) Kracauer, Siegfried: Kult der Zerstreuung. Über die Berliner Lichtspielhäuser. Frankfurt am Main, 1972, S. 230. 165
        

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