DAS KINO IM WIRTSHAUS «RÖSSLE» IN SCHAAN ANNETTE LINGG Die Regierung gab dem Gesuch statt und wies Land- weibel Josef Strub an, sich «gelegentlich anderer Dienstgänge» jeweils die Zensurblätter zeigen zu las- sen und in «bedenklichen Fällen» telefonisch die Ver- fügung einzuholen.31 Die Überprüfung der Filme lief also relativ infor- mell ab. In den Zwanziger Jahren kam die Zensur völ- lig ausser Gebrauch und wurde erst 1928 wieder an- geordnet, wie weiter unten zu sehen sein wird. Laut einer Quelle wurde die Zensur schon vor 1922 nicht mehr angewandt,32 einer anderen Quelle zufolge aber wurde im Dezember 1922 zur Kontrolle aus- drücklich aufgefordert.33 Adelbert Konrad erinnert sich, dass er jeweils mit dem Fahrrad nach Vaduz zur Regierungskanzlei ge- schicktwurde, um die Bewilligung für die Vorstellun- gen einzuholen. Da er Jahrgang 1915 ist, dürfte dies Ende der Zwanziger Jahre bis Anfang der Dreissiger Jahre gewesen sein, als Judith Kaufmann das Kino führte. Pro Film hat er jeweils zirka vier Fotos vorge- legt, aufgrund derer in der Regierungskanzlei die Entscheidung getroffen wurde. Die Bewilligung für die Aufführung wurde ohne Ausnahme immer erteilt. Berüchtigt für seinen religiösen Eifer war Anton Se- ger, «s'Luzi Toni», der bei der Regierung arbeitete. Seinem Übernamen «Schaaner Heiland» machte er alle Ehre, indem er sich jeweils einmischte, wenn Adelbert Konrad die Filmfotos vorlegte, und der Mei- nung war, dass man solches nicht zeigen dürfe. Re- gierungssekretär Ferdinand Nigg habe ihn jedoch immer auf seinen Platz verwiesen. Die Zensur in Liechtenstein kümmerte sich vor- rangig um die Wahrung von Sittlichkeitsstandards, politische Zensur hingegen war kaum ein Thema. Nur einmal entzündete sich Kritik ob dem politischen Gehalt von Filmen. 1928 beschwerte sich Prinz Alois von Liechtenstein in einem Brief an die Regierung, dass Filme mit «bolschewistischen Tendenzen» - es handelte sich um Panzerkreuzer Potemkin und Sac- co und Vanzetti - in Liechtenstein gezeigt werden dürfen.34 Der sowjetische Montage-Film Panzer- kreuzer Potemkin war einer der meistbesprochenen Filme der Zwanziger Jahre, sein Erfolg bei Kritik und Publikum in ganz Europa war begleitet von erregten Diskussionen um Zensurierung und Verbote. Pan-zerkreuzer 
Potemkin und Sacco und Vanzetti er- scheinen in keiner Kino-Anzeige. Ob die Filme tatsächlich gezeigt wurden oder ob es nur Gerüchte über die Aufführung gab, ist deshalb nicht klar. Die Regierung reagierte natürlich prompt auf die- se Beschwerde von höchster Seite und kündigte der Kinobetreiberin Judith Kaufmann an, dass die in den frühen Zwanziger Jahren ausser Gebrauch gekom- mene Zensur wieder eingeführt würde. Zur Illustra- tion des Sachverhalts ist die Korrespondenz zwi- schen Prinz Alois und der Regierung nachfolgend wiedergegeben: «7. April 1928 Geehrter Herr Regierungschef! Als gewissenhafter Mensch fühle ich mich ge- zwungen, darauf aufmerksam zu machen, dass die Filme Potemkin und Sacco-Vanzetti von Sowjetseite lanciert wurden. Potemkin wurde inPreussen in um- geänderter Form gegeben - stark zensuriert-in Bai- ern verboten. Von Frankreich, England und Italien versteht es sich von selbst, dass beide Filme, die nicht den leisesten Bildungswert haben, wohl aber bol- schewistische Tendenzen, verboten wurden. Hier in der Tschechoslowakei ist  auch verboten und wundert man sich, dass es in Liechtenstein auf- geführt werden soll... Mit besten Empfehlungen Alois Liechtenstein».*-' 28) LLA HE 1920/2611. 29) Ebenda. 30) LLA RE 1919/243. 31) Ebenda. 32) LLA RE 1928/2320. 33) LLA RE 1922/5844. 34) Panzerkreuzer Potemkin (Sowjetunion 1925, Regie: Sergej Eisenstein) handelt vom Aufstand der Matrosen auf dem Panzer- kreuzer Potemkin 1905 und Sacco und Vanzetti (Österreich 1927, Regie: Alfred Kämpf) beschreibt die Geschichte der beiden italieni- schen Anarchisten Sacco und Vanzetti. 35) LLA RE 1928/2320. 161
        

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