DAS KINO IM WIRTSHAUS «RÖSSLE» IN SCHAAN ANNETTE LINGG Moral und Zensur WIDERSTAND GEGEN DAS KINO Film war die erste Massenkunst und fand von Beginn an enormen Zuspruch. Damit markiert er den Bruch zwischen dem tradierten bürgerlichen Kunst- verständnis und einer neuen Ästhetik der Moderne. Das Medium für die Massen trug in den frühen Jah- ren «die Züge eines Gassenjungen und war ein ver- wahrlostes Geschöpf, das sich in der Unterschicht der Gesellschaft herumtrieb.»21 Die Etablierung des neuen Mediums war von vie- lerlei Widerständen begleitet. Dabei standen nicht nur die Filme selber im Mittelpunkt der Sittenwäch- ter, sondern auch die Form der Präsentation: Zwecks Vorführung der Filme musste der Kinosaal verdun- kelt werden. Frauen, Männer und Jugendliche sas- sen im dunklen Raum dicht beinander - das Potenti- al für unsittliche Handlungen war gegeben. Den herkömmlichen Künsten wie Literatur und Theater gegenüber wurde der Film als wertlos ange- sehen, jeglicher kultureller Wert wurde ihm abge- sprochen. Dahinter stand unter anderem die Angst vor der Abwertung des Wortes. Sehen galt dem Lesen gegenüber als minderwertig, das Kino weckte die Angst, dass diese für das Bürgertum so identitätsstif- tende Kulturtechnik abgewertet, nutzlos oder gar verlernt werde. Die Bilder wurden gegenüber den Worten als Verflachung empfunden. Zudem befrie- digte der Kinematograph ganz unverhohlen die Un- terhaltungsbedürfnisse der Zuschauerinnen und Zu- schauer. In den trivialen Kinostücken fanden sich Lie- be, Drama, Abenteuer und Spannung. Dieses so of- fensichtliche Eingehen auf «niedere Leidenschaften» wurde von Kinogegnern verachtet, hatte Kunst doch schöngeistig, belehrend und moralbildend zu sein. Der «richtigen» Kunst stand das Kino gegenüber, das direkt und unmittelbar seine Botschaft übermittelte: «Wo der Kulturbegriff hohe Geistigkeit forderte, bo- ten die Kinodramen derbe Sinnlichkeit ,..».22 Im Ge- gensatz zur Hochkultur, die man sich aktiv, mit An- strengung verbunden, aneignen muss, steht die pas- sive Rezeptionsweise im Kino, das beiläufige Konsu- mieren anstelle stiller Kontemplation. Der «Empor- kömmling» Film, der seinen Warencharakter nie versteckte, wandte sich an ein Massenpublikum, 
nicht an eine gebildete Elite, und drückte dessen ästhetische Vorlieben aus. Die populäre Massenunterhaltung wurde für die Ausbreitung von Sittenlosigkeit und Verbrechen ver- antwortlich gemacht. Kinogegner sahen die öffentli- che Moral gefährdet und fürchteten den schlechten Einfluss der bewegten Bilder auf charakterlich nicht gefestigte Menschen, sprich Frauen und Jugendliche, die vom Kino zur Nachahmung unerwünschter Ta- ten aufgefordert werden könnten. Eine andere Gefahr sahen Kinogegner auch im stundenlangen Sitzen in dunklen Sälen mit abge- standener Luft, das der Gesundheit nicht zuträglich sei und im Verschwenden des knappen Geldes. Die Sorge war, wertvolle Gesundheit und Geld an den Ki- nematographien zu verschwenden, das Gespenst der «Kino-Sucht» ging um, die natürlich besonders die seelisch labilen Naturen ergreifen würde. Wenn das Kino doch nicht zu verbieten war, so sollte es wenigstens in die richtigen Bahnen gelenkt werden, um auf diese Weise die Kontrolle zu behal- ten. So wurden die Filme unterschieden: in beleh- rende, sittliche, patriotische Filme auf der einen Sei- te und in unsittliche oder verbrecherische Filme, in denen ein in irgendeiner Weise unerwünschtes Ver- halten zu sehen war, auf der anderen Seite. Die Ham- burger «Gesellschaft der Freunde des vaterländi- schen Schul- und Erziehungswesens» hat sich 1907 in einem Bericht mit den Auswirkungen von Kinobe- suchen durch Kinder befasst und kommt in ihrer Re- solution zu folgendem Urteil: «Technisch und inhalt- lich einwandfreie kinematographische Darstellun- gen können ein ausgezeichnetes Mittel zur Belehrung und Unterhaltung sein.» Jedoch, fährt der Bericht fort, überwiegt in ihnen «... das Hässliche, Verbil- 20) Eine genauere Analyse der gezeigten Filme, z.B. eine Aufstellung nach Herkunftsländern etc., muss hier ausbleiben, da eine Identifi- zierung aller Titel dem Rahmen dieser Arbeit nicht angemessen wäre. 21) Kracauer, Siegfried: Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. Frankfurt am Main, 1995, S. 22. 22) Schweinitz, Jörg (Hg.): Prolog vor dem Film. Nachdenken über ein neues Medium 1909-1914. Leipzig, 1992, S. 7. 157
        

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