BERLIN UND DIE JÜDISCHE BEVÖLKERUNG WÄHREND DER WEIMARER REPURLIK Mit dem Schutz der jüdischen Religionsgemein- schaft in der Weimarer Verfassung und dem aber gleichzeitig anschwellenden, latent omnipräsenten Antisemitismus vermittelte Deutschland aus Sicht der jüdischen Bevölkerung um die 1930er Jahre ein zwiespältiges Bild. Diese Ambivalenz von ge- sellschaftlicher Integration und zunehmender Aus- grenzung lässt sich auch in Berlin ausmachen. Die Hauptstadt, die 1920 durch den Zusammen- schluss von sieben grossen Städten, 59 Landge- meinden und 27 Gutsbezirken zur Metropole Gross- Berlin mit 4,2 Millionen Einwohnern geworden war,22 war nicht nur politisches sondern auch kultu- relles Zentrum Deutschlands. Die 1920er Jahre Ber- lins waren trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise von regem kulturellem Schaffen auf der Bühne, in der bildenden Kunst, der Literatur wie auch in der Musik geprägt. Im Berliner Kulturleben waren viele prominente Künstler - wie beispielsweise die Ge- brüder Rotter - jüdischer Herkunft.23 Die Bedeutung jüdischer Menschen im öffentlichen Leben in der Hauptstadt war berlinspezifisch und hatte mit den allgemeinen Verhältnissen in der Republik wenig gemein.24 In der deutschen Hauptstadt lebte in den 1920er Jahren ein Drittel aller deutschen Juden, sie mach- ten jedoch lediglich vier Prozent der Berliner Ge- samtbevölkerung aus.25 Im Reichsvergleich war der Anteil an ausländischen Juden überdurchschnitt- lich hoch, ein Viertel aller in Berlin wohnenden Ju- den stammte aus dem Ausland - der Grossteil aus Osteuropa.26 In mehreren Vierteln hatten sich Juden bevorzugt niedergelassen, vor allem in den Bezir- ken Tiergarten, Charlottenburg und in Wilmers- dorf.27 Die jüdische Gemeinde Berlin beschäftigte wäh- rend der Weimarer Republik rund 1500 Beamte und nahm sowohl religiöse als auch soziale Aufgaben wahr.28 In der Hauptstadt hatten ferner alle grossen jüdischen deutschen und auch einige internationale jüdische Organisationen ihren Hauptsitz.29 
Das Gros der Berliner Juden gehörte dem Mittel- stand an. Sie waren Handelsvertreter und Klein- händler, allerdings arbeiteten im Reichs vergleich auch überdurchschnittlich viele Juden in der Indus- trie.30 Im Zuge der Weltwirtschaftskrise wurden überdurchschnittlich viele Juden arbeitslos.31 Die Wohlfahrtsausgaben der jüdischen Gemeinde stie- gen deshalb Ende der 1920er Jahre markant an, 1930 machten sie bereits 40 Prozent des Gesamt- budgets aus.32 Während der Weimarer Republik intensivierten sich in der deutschen Hauptstadt die gesellschaftli- chen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in besonderem Masse, was sich beispielsweise an der deutlichen Zunahme der gemischten Ehen zeig- te: In Berlin lagen sie in den 1920er Jahren bei über 30 Prozent, während im Reichsschnitt nur 17 Pro- zent aller jüdischen Frauen und Männer einen nicht jüdischen Ehepartner respektive eine nicht jüdische Ehepartnerin wählten.33 Gemäss Michael Brenner war die jüdische Bevölkerung Berlins während der Weimarer Republik besser integriert als «zu irgend- einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort in der deutsch-jüdischen Geschichte.»34 Mit dem Anwach- sen des Antisemitismus setzte aber auch in der deutschen Hauptstadt eine gegenläufige Tendenz ein, was sich beispielsweise im Bildungswesen zeig- te. Im Gegensatz zu früher, als darauf geachtet wur- de, die jüdischen Schulkinder in konfessionell ge- mischte Schulen zu schicken, um die Integration zu fördern, entschlossen sich die Verantwortlichen der jüdischen Gemeinde, u.a. wegen der antisemiti- schen Übergriffe, wieder eigene Schulen zu unter- halten. So entstanden in Berlin zwischen 1919 und 1933 fünf neue jüdische Schulen.35 DIE SITUATION DER JUDEN IN BERLIN IM ZUGE DES NATIONALSOZIALISTISCHEN AUFSTIEGS, 1930 BIS 1933 1929 geriet Berlin im Zuge der Weltwirtschaftskrise, der chronischen Verschuldung aus der Stabilisie- rungsphase sowie infolge von Korruptionsskandalen in eine prekäre Situation.36 Die öffentliche Ver- 10
        

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