In diesen Höllenschlund wurde Valeska von Hoff- mann deportiert. Den genauen Nachweis der Einlie- ferung haben zwei erhalten gebliebene Quellen, die heute in Warschau liegen, erbracht. Aus einem Ein- gangsblatt des KZ Ravensbrück geht hervor, dass als «Zugang am 25. 9. 1944» eingeliefert wurde, als Nummer 16 ihres Transports: «Von Hoffmann, Koralek, Valeska/5. 3. 94/polit. / 72427/Jüdin- Bild».95 Ebenso wurde sie im «Blockbuch 1» (von Baracke bzw. «Block» 1) verzeichnet mit «Hoffmann Valeska 72427», dazu wurde ein roter Dreieckswinkel einge- tragen - für politische Häftlinge -, als Geburtsort «Wien», als Beruf «Hausfrau» und beim «Arb. Platz» (im KZ) etwas eingesetzt, was «Zim. dienst» (Zim- merdienst) heissen könnte. Interessanterweise ist im Blockbuch 1 das Geburtsdatum um ein Jahr abwei- chend angegeben, mit «5. 3. 95» statt richtig «94» (1894) wie noch auf dem Zugangsblatt.96 Gleicht man die Angaben dieser zwei Quellen aus Warschau ab mit den von Grit Philipp und Monika Schnell im «Kalendarium» zum KZ Ravensbrück ge- sammelten Zugangsdaten und Häftlingsnummern, so wird das Datum der KZ-Einlieferung Valeskas von Hoffmann bestätigt. Und zugleich wird der Ge- samtzusammenhang sichtbar. In jenen Monaten ka- men täglich Transporte mit Frauen-Häftlingen in Ravensbrück an, meist mit der Bahn. An jenem 25. September 1944, es war ein Montag, wurden in zwei Transporten zusammen 99 Frauen eingelie- fert. Der zweite dieser Transporte zählte 53 Frauen, vorab Tschechinnen, Französinnen, Polinnen und einzelne Jüdinnen, als Haftgründe waren «poli- tisch», «asozial» und «B.V.» (Berufsverbrecherin) genannt. Die KZ-Nummern wurden fortlaufend auf- steigend zugeteilt, die Frauen dieses Transports er- hielten die Nummern «72412-72464».97 In dieser Gruppe war auch Valeska von Hoffmann: Als Sech- zehnte ihres Transports wurde sie zur Nummer «72427». Sie galt nicht mehr als Mensch. Fortan musste sie sich allein mit der Nummer melden. Die Frauen wurden in entwürdigender Prozedur aufgenommen, mit Körperhaarrasur, Entlausung, kalter Dusche, KZ-Einkleidung - gestreifte oder ein- fach alte Kleider mit grossem weissem «X» auf dem 
Rücken -, dazu Nummer und Winkel, danach Ein- weisung in den «Quarantäneblock», dann in eine überfüllte Baracke, Zuordnung in ein Arbeitskom- mando, bei kranken und älteren Frauen auch Selek- tion zur Tötung durch Spritze oder Gas. In Ravens- brück wurden ab Ende 1944 noch etwa 5000 bis 6000 Personen durch Gas ermordet. Valeska Hoff- mann - beziehungsweise «Nr. 72427» - erhielt ei- nen roten Winkel als «Politische», nicht einen gel- ben Judenwinkel, obwohl sie beim Eintritt auch als «Jüdin» registriert wurde. Die Zuordnung zur Kate- gorie der «Politischen» war eine Folge jener bei der Gestapo in Berlin fabrizierten Vorwürfe sowie des Umstandes, dass sie Bürgerin eines neutralen Staa- tes war. Sie wurde wahrscheinlich einer Baracke mit «politischen» Häftlingen zugewiesen, dies wa- ren Kommunistinnen, Sozialistinnen, Frauen aus dem Widerstand oder einfach bei der Gestapo De- nunzierte. Zum Zeitpunkt, da sie in Ravensbrück eingeliefert wurde, war das Lager bereits total überfüllt. Elend und Hunger waren unbeschreiblich. Im September 1944 standen bei den täglichen stundenlangen Häft- lingsappellen in Ravensbrück jeweils 41 000 Frauen auf der «Lagerstrasse» - darunter ab dem 25. Sep- tember auch die Liechtensteinerin. Wegen totaler Überfüllung der Baracken wurde gerade im Septem- ber 1944 im KZ Ravensbrück noch ein grosses, leeres Zelt aufgestellt, um weitere Häftlinge aufzunehmen. Im Zelt erfroren und verhungerten im Winter viele. 95) Instytut Pamieci Narodovvej, Komisja Scigania Zbrodni przeciw- ko Narodowi Polskiemu, Biuro Udostopniania i Archiwizacji Doku- mentovv, Bestand KL Ravensbrück, sygn. 35, k. 31, Blatt «Zugang am 25. 9. 1944». in Kopie dem Verfasser zugestellt durch Direktorin Bernadetta Gronek am 16. Juni 2003. 96) Instytut Pamieci Narodowej, Komisja Scigania Zbrodni przeeiw- ko Narodowi Polskiemu, Biuro Udostepniania i Archiwizacji Doku- menlow, Bestand KL Ravensbrück. sygn. 45, k. 43; Kopie und schriftliche Auskunft der Direktorin Bernadetta Gronek, Warschau, an den Verfasser, 16. Juni 2003. - Kopie auch in der Mahn- und Ge- denkstätte Ravensbrück, Fürstenberg, Kopie durch C. Hoffmann (Wiss. Mitarbeiterin) an den Verfasser. 27. Mai 2002. 97) Grit Philipp / Monika Schnell: Kalendarium der Ereignisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945. Berlin, 1999, S. 168, S. 308 f. 124
        

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