EINE LIECHTENSTEINERIN IM KZ: BARONIN VALESKA VON HOFFMANN / PETER GEIGER lieh beiderseits überstellt werden.87 Es handelte sich um den Austausch mehrerer Spione. Das sah für Valeska von Hoffmann gut aus, sie war immer noch im Lager Reichenau gefangen und wusste von nichts. Ein vergleichender Blick auf die weiter oben schon erwähnten Daten zeigt, dass nur drei Tage darauf, nämlich am 27. Juli, die angebliche Agentin Hoffmann durch die Gestapo ins Polizeige- fängnis Innsbruck überführt wurde. Dies geschah wohl im Hinblick auf den erwarteten Austausch. Doch dann stellte sich im Auswärtigen Amt in Berlin heraus, dass jene schweizerisch-deutschen Ver- handlungen schon vor 14 Tagen stattgefunden hat- ten, mit einem Detail, das von Thadden notierte: «Schweizer erbaten Val. v. Hoffmann nicht». Zum besagten Zeitpunkt aber, etwa Mitte Juli, hatte das RSHA, wie oben gezeigt, das Einverständnis zu einem Einbezug der Liechtensteinerin noch nicht erteilt gehabt. Nächste Verhandlungen, so von Thadden, gebe es Anfang September 1944 - das war in fünf bis sechs Wochen. Falls dann die Schweizer auf Frau von Hoffmann zurückkämen, wäre ihr Austausch möglich.88 Doch in der Zwischenzeit liefen die Räder der Ge- stapo- und KZ-Mechanik unerbittlich weiter. Sturm- bannführer Rolf Günther, der Stellvertreter Eich- manns und Zuständige für den Transport deportier- ter Juden, teilte Ende August 1944 dem Auswärti- gen Amt bündig mit: «Die Jüdin Hoffmann ist inzwischen in das KL. Ra- vensbrück eingewiesen worden. Ihrer Entlassung zu Austauschzwecken kann daher aus sicherheitspoli- zeilichen Gründen nicht zugestimmt werden.»89 Die «sicherheitspolizeilichen Gründe» lagen wohl darin, dass sie im neutralen Ausland über die KZ-Zu- stände hätte berichten können. Es zwar zu spät. Zwar behielt man im Auswärtigen Amt einen Agentenaustausch weiterhin im Auge, man hätte ihn dort befürwortet. Doch einige Tage vor Weih- nachten 1944 legte man in Berlin die Angelegenheit Hoffmann «bis auf weiteres z. d. A.» (zu den Akten), wie aus einer handschriftlichen Notiz von Thaddens ergeht: «1. Bearbeitung verzögert, da Akten nach Versen- dung an GK. Speiser längere Zeit unauffindbar. 
2. Da Schweizerische Gesandtschaft auf Angelegen- heit, bisher nicht zurückgekommen ist, bleiben er- neute Vorstellungen der Schweizer abzuwarten. 3. Bis auf weiteres z. d. A. Berlin, den 20. 12. 1944 VTh 20/12».90 Jene «erneuten Vorstellungen der Schweizer», die man abwarten wollte, bezogen sich auf einen allfäl- ligen Agentenaustausch, nicht auf das immer wie- derholte Begehren nach bedingungsloser Freilas- sung. Von der ganzen geschilderten Austauschmöglich- keit - die Liechtensteiner Jüdin gegen einen oder mehrere deutsche Spione - hatte die Regierung in Vaduz gar keine Kenntnis. Sonst hätte sie sich bei den Schweizer Unterhändlern einsetzen können. Das Bemühen der Regierung auf dem üblichen, di- plomatischen Weg aber blieb, wie gezeigt, ohne Er- folg. Bevor wir den Weg nach Ravensbrück verfol- gen, ist hier ein Seitenblick in eine weitere Welt, jene des Erbrechts, nötig. Denn unerwartet tauchten 1944 noch Ansprüche auf das Hoffmann-Erbe auf. 80) Von Thadden an von Nostitz. 1. März 1944, PAA R 99 426. 81) Berieht des RSHA (Günther i. A.. IV A 4 b) an Auswärtiges Amt zh. von Thadden. 12. April 1944, PAA R 99 426. 82) Auswärtiges Amt (von Thadden) an Schweizer Gesandtschaft. 27. April 1944, und an deutsche Gesandtschaft in Bern, 27. April 1944. PAA R 99 426. 83) Von Thadden an RSHA zh. Eichmann oder Vertreter, 27. April 1944. PAA R 99 426. 84) Zu Organisation und Personal des Auswärtigen Amtes siehe Raul I hlberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 2, S. 576-579. 85) Deutsche Gesandtschaft Bern. Telegramm Speiser/Köcher an Auswärtiges Amt zh. von Thadden. 7. Juli 1944, PAA R 99 426. 86) Telegramm des Auswärtigen Amtes (Wagner/von Thadden) an die deutsche Gesandtschaft in Bern, 11. Juli 1944, PAA R 99 426. 87) Deutscher Gesandter in Bern. Köcher, an Auswärtiges Amt, 24. Juli 1944: auf die Abschrift des Schreibens notierte von Thadden am 29. Juli 1944: «Valeska von Holtmann», PAA R 99 426. 88) Von Thadden, handschriftliche Notiz. 29. Juli 1944, PAA R 99 426. 89) RSHA / IV A 4 b (Günther, «i. A.») an Auswärtiges Amt zh. von Thadden. 28. August 1944; von Thadden an Generalkonsul Speiser. 5. Sept. 1944, PAA R 99 426. 90) Von Thadden, hs. Notiz. 20. Dez. 1944. PAA R 99 426. 119
        

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