EINE LIECHTENSTEINERIN IM KZ: BARONIN VALESKA VON HOFFMANN / PETER GEIGER mit den vorgenannten Verlegungen direkt zusam- menhingen. Dies führt uns in eine noch geheimere Kulissenwelt, in der Spione getauscht wurden. AGENTENAUSTAUSCH-«OBJEKT» Neben den geschilderten Freilassungsbemühungen von Liechtensteinischer und schweizerischer Seite wurde von deutscher Seite während längerer Zeit, vom November 1943 bis zum September 1944, er- wogen, die liechtensteinische KZ-Gefangene in ei- nen Austausch gefangener Spione einzubeziehen. Über solchen Austausch verhandelten Deutschland und die Schweiz nämlich in jener Zeit. Wegen ihrer liechtensteinischen Staatsbürgerschaft schien sich Valeska von Hoffmann dafür ebenfalls zu eignen, als Tausch-Objekt. Die deutsche Gesandtschaft in Bern schrieb am 4. November 1943 - als die Gefangene noch im La- ger Reichenau bei Innsbruck einsass - mit dem Ver- merk «Eilt sehr!» ans Auswärtige Amt in Berlin, es sei zu prüfen, «ob Frau v. Hoffmann evt. als Austauschobjekt in Betracht käme», falls ihr nämlich ein politisches Vergehen vorzuwer- fen wäre.76 Der zuständige Beamte im Auswärtigen Amt, Legationsrat von Thadden, fragte darauf bei Eichmann im Reichssicherheitshauptamt an, ob ge- gen «die Jüdin Hoffmann» politische Beschuldigun- gen erbracht werden könnten. Ihre Einbeziehung wäre «bei dem Mangel an Objekten für einen Austausch von Agenten zwischen der Schweiz und Deutsch- land... wünschenswert».11 Die Schweiz hatte mehr deutsche Spione gefangen als umgekehrt Deutschland schweizerische gefasst hatte, was nicht verwundert. Vom Reichssicherheits- hauptamt kam vorerst monatelang kein Entscheid. Am 1. Februar 1944 notierte im Auswärtigen Amt Legationsrat von Thadden jedoch: «Fall wurde mit RSHA (Eichmann + Günther) bespr, die nach Rücksprache mit Amtschef TV und Amt VI antworten werden.»1* 
Amt IV war die Gestapo, geleitet von Heinrich Müller, Amt VI war der Sicherheitsdienst SD, gelei- tet von Schellenberg. Die kurze Notiz besagte: Von Thadden vom Auswärtigen Amt hatte den Fall der liechtensteinischen Jüdin mit Adolf Eichmann und dessen Stellvertreter SS-Sturmbannführer Rolf Gün- ther besprochen. Eichmann und Günther wollten noch mit dem Gestapo-Chef Müller und dem SD-Chef Schellenberg Rücksprache nehmen. Etwas später hielt von Thadden rückblickend 
fest, «dass sowohl Sturmbannführer Eichmann als auch Sturmbann- führer Günther seinerzeit die Frage des Austau- sches dieser Jüdin gegen einen tüchtigen Agenten dem Unterzeichneten gegenüber als diskutabel be- zeichnet haben.»79 Anfang März 1944 teilte von Thadden dem für den Agentenaustausch zuständigen Beamten in der 70) A. A. van Rossem van Sinoutskerke (Territet, Castcl Rivaz), an Regierungschef Hoop, 19. Febr. 1944; Antwort der Regierung an A.A. van Rossem, 1. März 1944; Regierung an EPD. 1. März 1944. LLA RF 221/150. 71) A. A. van Rossem van Sinoutskerke an Regierungschef Hoop. 7. Mai 1944; Regierung an EPD, 9. Mai 1944, LLA RF 221/150. 72) EPD an liecht. Regierung. 11. Mai 1944, LLA RF 221/150. - Auswärtiges Amt (von Thadden) an Schweizer Gesandtschaft in Berlin, 27. April 1944, PAA (Berlin) R 99 426. 73) Div. Korrespondenz zwischen Regierung und EPD, Juni bis Dez. 1944. LLA RF 221/150. 74) Liecht. Regierung an EPD, 22. Sept. 1944. LLR RF 221/150. 75) Zit. nach der «Liste der im Innsbrucker Polizeigefängnis festge- halten gewesenen Juden, zusammengestellt nach der Häftlingskartei des LG Innsbruck» (0. D.. DOeW 15.062/8), wiedergegeben in: Wi- derstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation. Bd. 1. Hg. vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Wider- standes. Wien. München, 1984. Anhang S. 473 ff, hier S. 476 («Hoff- mann, Valeska»). 76) Deutsche Gesandtschaft Bern (Gesandtschaftsrat von Nostitz) an Generalkonsul Speiser im Auswärtigen Amt, 4. Nov. 1943, PAA R 99 426. 77) Auswärtiges Amt (von Thadden) an Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zuhanden Eichmann. 11. Nov. 1943; ebenso von Thadden an RSHA zh. Eichmann am 15. und 23. Dez. 1943, PAA R 99 426. 78) Notiz von Thadden. 1. Febr. 1944, PAA R 99 426. 79) Handschriftliche Ergänzung von Thaddens auf seinem «Schnell- brief» vom 22. Juli 1944 an RSHA zh. Eichmann oder Vertreter, PAA R 99 426. - Jochen v. Lang: Die Gestapo. Instrument des Terrors. Unter Mitarbeit von Claus Sibyll. Hamburg, 1990. 117
        

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