Die Brüder Alfred und Fritz Schale, mit Künstler- namen Rotter, besassen in Berlin, wo sie bis 1932 respektive anfangs 1933 lebten, mehrere Theater- gesellschaften. Mit ihren Aufführungen feierten sie beim Berliner Publikum grosse Erfolge. In der End- phase der Weimarer Republik erfüllte sie die politi- sche Entwicklung in Deutschland, insbesondere der Aufstieg der Nationalsozialisten, jedoch mit gros- ser Sorge. Deshalb beschlossen sie 1931, sich in Liechtenstein einbürgern zu lassen.1 Die Hoffnung der beiden Brüder, in Liechtenstein Schutz vor na- tionalsozialistischen Repressalien zu finden, wirft ein Schlaglicht auf die Befindlichkeit der jüdischen Bevölkerung im Berlin am Anfang der 1930er Jah- re. Deren Lebensumstände sollen in diesem kurzen Aufsatz näher beleuchtet werden. Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Ber- lins ist für die Zeit nach 1871 noch nicht eingehend untersucht worden. Verhältnismässig gut erforscht sind dagegen die antisemitisch motivierten Über- griffe auf Jüdinnen und Juden in Berlin.2 Folgende Ausführungen stützen sich auf die wenigen Aufsätze über die jüdische Bevölkerung Berlins, auf breiter gefasste Arbeiten zu Juden während der Weimarer Republik sowie auf Überblickswerke zur Geschichte Berlins. Als Gradmesser für die allgemeine Stimmung un- ter der jüdischen Bevölkerung wird - wo spezifische Angaben zu Berlin fehlen - die Haltung und Aktivität des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdi- schen Glaubens herangezogen (C.V.). Der C.V. re- präsentierte die Einstellung der Mehrheit der jüdi- schen deutschen Staatsangehörigen, die sich als Deutsche jüdischer Konfession verstand.3 1893 ge- gründet, versuchte der C.V. mittels Aufklärungs- kampagnen und gerichtlichen Verfahren die antise- mitischen Übergriffe abzuwehren.4 
DIE STELLUNG DER JUDEN WÄHREND DER WEIMARER REPUBLIK Bevor auf die Verhältnisse in Berlin ab Beginn der 1930er Jahre eingegangen wird, soll die allgemeine Situation der Juden während der Weimarer Repu- blik kurz dargestellt werden. Der Erste Weltkrieg und die Niederlage Deutschlands brachten für die jüdische Bevölkerung grössere Veränderungen mit sich als für die übrigen Bewohner Deutschlands. Die beiden sichtbarsten Folgen waren das Anwachsen des Antisemitismus und die anhaltende Einwande- rung osteuropäischer Juden.5 Der Antisemitismus in Deutschland war im Nachgang an die Kriegsnie- derlage und an die Revolution besonders ausge- prägt und wurde nach einer kurzen Phase der Ab- flachung im Zuge der Inflation von 1923 von Neuem entfacht/' So kam es zu Beginn der 1920er Jahre in mehreren ostdeutschen Städten zu antisemitisch motivierten Ausschreitungen.7 In Berlin fand am 5. November 1923 ein Pogrom im «Scheunenvier- tel» statt,8 wo sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche nach Deutschland eingewanderte «Ost- juden» niedergelassen hatten.,J Die Gewalttätigkei- ten richteten sich vor allem gegen diese Neuzuzüger. Über zweihundert Geschäfte (davon gehörten etwa drei Viertel jüdischen Geschäftsleuten) wurden ge- plündert,10 zahlreiche Personen verletzt und neun Personen getötet.11 Während die antisemitischen Parteien und Ver- eine auf dem politischen Parkett nach 1924 bis Ende der 1920er Jahre an Bedeutung verloren,12 nahm die Zustimmung zu antisemitischen Ideen in- nerhalb der Bevölkerung zu.13 Gemäss Dirk Walter begann in den 1920er Jahren eine stille, aber be- wusste Zurücksetzung und Ausgrenzung der jüdi- schen Bevölkerung.14 Die 1929 einsetzende Wirt- schaftkrise und die daraus folgende Krise der Re- publik waren ausschlaggebend, dass der Antisemi- tismus wieder vermehrt an die Oberfläche trat.15 Anders als die eingangs erwähnten Brüder Rot- ter-Schaie nahmen etliche Juden den anwachsen- den Antisemitismus vorderhand nicht überaus ernst. Dafür waren mehrere Gründe massgebend: Erstens waren sie an einen zeitweise virulenten, ab- 8
        

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