EINE LIECHTENSTEINERIN IM KZ: BARONIN VALESKA VON HOFFMANN / PETER GEIGER nämlich des «Judenreferats». Eichmann war zu- ständig für die Organisation der schliesslich millio- nenfachen Judendeportationen in die Vernichtungs- lager. Eichmanns Stellvertreter SS-Sturmbannfüh- rer Rolf Günther leitete die Unterabteilung «IV B 4a» («Evakuierungen» bzw. Transporte).66 Bei der Ge- stapo-Abteilung Eichmann lag nun das Schicksal der noch im Lager Reichenau festgehaltenen Liech- tensteinerin. Monatelang blieben im Herbst 1943 und bis zum Mai 1944 alle Nachfragen von Vaduz über Bern nach Berlin und auch über Bern nach Bregenz ohne konkrete Auskunft und ohne Ergebnis. Auch private Schritte von Regierungschef Hoop blieben erfolglos. Jede genaue Nachricht über den Verbleib von Vales- ka von Hoffmann fehlte. Die liechtensteinische Re- gierung wusste lange nicht, wo die Liechtensteine- rin gefangen gehalten wurde. Anfänglich hiess es, sie sei «angeblich nach Innsbruck» gebracht wor- den. Freunde der Unglücklichen wandten sich an die schweizerische Vertretung in Italien, an Re- gierungschef Hoop und auch an Fürstin Elsa. In Bo- zen wäre Graf Forni bereit gewesen, für die Baronin Hoffmann Geld nach Liechtenstein zu überweisen. Eine befreundete Dame, Frau Rosario-Gudenus, wandte sich am 2. November 1943 mit der dringen- den Bitte um Hilfe für Valeska von Hoffmann an den Regierungschef. Diese sei «eine äusserst gute, wohl- tätige Frau». Man müsse ihr helfen, «bevor es zu spät sein wird». Der Regierungschef möge das An- liegen dem Fürsten unterbreiten, energisches Ein- schreiten von liechtensteinischer Seite sei nötig, man berichte, es liege am Zögern Liechtensteins, dass die Baronin noch in LIaft sei. Gerüchten zufolge sei die «als Volljüdin» Verhaftete «in einem Judenla- ger Reichenau bei Innsbruck».67 Überprüft werden konnte dies aber nicht. Gleichzeitig verlautete Ende Oktober 1943 aus Wien von privater Seite und dann wieder im Februar 1944 vom «Meraner Anwalt der Frau Baronin» über die diplomatischen Kanäle nach Vaduz, Frau von Hoffmann sei bereits auf frei- em Fuss und wahrscheinlich schon in Liechtenstein - was sich beide Male als irrig herausstellte.68 Das Ehepaar A. A. van Rossem van Sinoutskerke, das früher in Lana bei Meran das Schloss «Leben-berg» 
bewohnt hatte, mit dem Ehepaar von Floff- mann befreundet war und nun in Territet am Gen- fersee lebte, gelangte im Januar 1944 in grosser Sorge an Fürstin Elsa von Liechtenstein. Elsa, die Witwe von Fürst Franz L, welche in Gunten am Thu- nersee im selbstgewählten Exil lebte, wandte sich sofort an Regierungschef Hoop, zu dem sie in ver- traulichem Verhältnis stand. Doch Hoop konnte am 19. Januar 1944 der Fürstinwitwe - und diese dem Ehepaar van Rossem in Territet - nur von den bis- lang ergebnislosen Bemühungen berichten.69 Van Rossem fragte im Februar erneut nach, diesmal di- rekt bei Dr. Hoop, er hoffe, dass der Baronin «noch geholfen werden kann» und dass es nicht «schon zu spät sei». Die Regierung verwies in der Antwort am 1. März 1944 auf die steten, erfolglosen Bemühun- gen um Frau von Hoffmann. Man werde gleichen- 58) Die nachfolgende Schilderung der diplomatischen Bemühungen um Valeska von Hoffmann beruht hauptsächlich auf den folgenden zwei umfangreichen Quellendossiers: Politisches Archiv des Auswär- tigen Amtes (PAA, früher Bonn, heute Berlin), R 99 426 (Inland II A/B 66/2, Juden in Liechtenstein, seinerzeit alle Dokumente mit «Geheim» versehen. Umschlagvermerk: Filmed FTO Serial Kl509 / 346 727-346 823). und Liechtensteinisches Landesarchiv (LLA), RF 221/150. - Im Bundesarchiv in Bern liegen die analogen Akten, unter E 2200.53 -/20. Bd. 43. 59) Eidgenössisches Politisches Departement (EPD), Abt. für Aus- wärtiges (Felix Schnyder), an liecht. Regierung, 1. Okt. 1943, LLA RF 221/150. 60) Liecht. Regierung an EPD. 7. Okt. 1943, LLA RF 221/150. 61) Erich Stockhorst: 5000 Köpfe. Wer war was im 3. Reich. 2. Aufl. Kiel. 1985, S. 225. 62) PAA (Berlin) R 99 426. 63) Vgl. die Dokumente bei Leon Poliakov/Joseph Wulf: Das Dritte Reich und seine Diener. Berlin. 1989 (1. Ausg. 1956), S. 80 ff. 64) PAA (Berlin) R 99 426. 65) Ebenda. 66) Vgl. Raul Ihlberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Durchgesehene und erweiterte Ausgabe. 3 Bde. Frankfurt am Main. 1990. hier Bd. 2. S. 427 f. 67) Frau Rosario-Gudenus an Regierungschef Hoop. 2. Nov. 1943. LLA RF 221/150. 68) Diverse Korrespondenz. LLA RF 221/150. 69) Regierungschef Hoop an Fürstin Elsa. 19. Jan. 1944, LLA RF 221/150. 115
        

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