BENDERN IM MITTELALTER Zwischen der schriftlichen Überlieferung betref- fend Bendern einerseits und dem archäologischen und numismatischen Befund andererseits besteht eine bemerkenswerte Diskrepanz. Die erste ur- kundliche Erwähnung Benderns fällt ins Jahr 1045; dass zum Frühmittelalter und zum frühen Hochmittelalter keine Schriftzeugnisse vorliegen, ist ein Schicksal, das Bendern mit vielen anderen Orten teilt.7 Demgegenüber wurden im Zuge der Grabungen auf dem Kirchhügel Gebäudereste frei- gelegt, die Georg Malin in einer ersten Annäherung bis ins 6. Jahrhundert datiert.8 Auch das wäre wei- ter noch nicht verwunderlich, handelte es sich bei diesen ältesten Mauerzügen nicht um die Reste ei- ner ansehnlichen, möglicherweise um einen Innen- hof gruppierten vierseitigen Anlage von etwa 25 auf 27 Metern Seitenlänge.9 Bauliche Veränderun- gen in karolingischer und hochmittelalterlicher Zeit belegen das fortdauernde Interesse an diesem Siedlungsplatz. Ein oberflächlicher Blick auf die naturräumli- chen Gegebenheiten offenbart den Grund hierfür.- Bendern liegt am südwestlichen Ende des Eschner- berges in hochwassersicherer Lage direkt über dem Rhein und damit der Rheintalstrasse; aus die- ser Lage mögen schon früh zentralörtliche Funktio- nen erwachsen sein.10 Sicher fassbar ist dieser zen- tralörtliche Charakter im Kontext der kirchlichen Organisation: Die auffallend grosse Pfarrei Ben- dern umfasste im Mittelalter neben Bendern selbst noch Ruggell und Schellenberg sowie Sennwald, Salez und Haag auf der linken Rheinseite.11 Die Weite des Pfarrsprengels wurde zumeist als Hin- weis auf ein hohes, in die Frühzeit der Christiani- sierung zurückreichendes Alter gewertet; wahr- scheinlicher ist indes seine Einrichtung durch ei- nen adeligen Eigenkirchenherrn des hohen Mittel- alters.12 Nebenbei bemerkt setzt der Zuschnitt des Pfarrsprengels einen frühen Rheinübergang bei Bendern voraus.13 Da liegt die Annahme freilich nahe, es könne sich beim Benderer Kirchhügel in frühmittelalterli- cher und frühhochniittelalterlicher Zeit um eine Art 
Burgberg, einen Herrschaftsmittelpunkt gehandelt haben. Weil Bendern nicht im Reichsguturbar er- wähnt ist, vermutete man hier das Zentrum einer Adelsherrschaft; auch dies spräche dafür, die Pfarr- kirche als Eigenkirche eines regionalen Herrn an- zusprechen.14 Wie gesagt gibt es keine expliziten Schriftzeugnisse, die uns hier verlässlich Auskunft geben könnten; aber die Urkunden des 11. bis 13. Jahrhunderts enthalten immerhin noch einige ver- steckte Hinweise darauf, dass die frühe Geschichte von Bendern nicht ganz unspektakulär verlaufen sein dürfte.15 So fällt die erste Erwähnung von Bendern in ei- ner Herrscherurkunde von 1045. Damals nahm König Heinrich III. auf Bitten des Grafen Ulrich (von Lenzburg) das Kloster Schänis in seinen Schutz; durch Ulrichs Vorfahren war das Frau- enkloster Schänis gegründet und von ihnen und ihm ausgestattet worden. Zu den Gütern, die der königliche Schutz umfassen sollte, zählten in Bene- duro dimidia pars curtis et ecclesiae, also nur die Hälfte vom Hof und der Kirche in Bendern.16 Büchel übersieht diese Einschränkung und nimmt daher an, die ganze Kirche von Bendern habe mit all ihrem Zubehör bereits zur Gründungsausstat- tung des Klosters Schänis gehört, welches im Jahre 809 vom Grafen Hunfrid von Rätien eingerichtet worden war; Perret geht sogar noch weiter und möchte in dieser Formulierung die Filialkirchen von Bendern mit eingeschlossen wissen.17 Diese beiden ungenauen Lesarten suggerieren den unge- störten Niessbrauch Benderns durch Schänis seit einem knappen Vierteljahrtausend. Indes bedeutet die Wendung aus der Heinrichsurkunde wörtlich nichts weiter als: «in Bendern die Hälfte des Hofes und der Kirche»; die Halbierung eines solchen Gu- tes ist zumeist das Ergebnis eines Kompromisses, der irgendwelche Spannungen beenden sollte. Wer ausser Schänis im 11. Jahrhundert Zugriff auf den Benderer Kirchhügel hatte oder suchte, wis- sen wir nicht. Eine vage frühneuzeitliche Tradition berichtet für das frühe 12. Jahrhundert davon, dass das Hochstift Chur über Bendern verfügen konnte: Die Annalen von Pfäfers verzeichnen zum Jahr 1126, Bischof Konrad habe als Förderer der Prämonstra- 94
        

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