FÜRST JOHANN IL UND SEINE SAMMLUNG DER WIENER BIEDERMEIERMALEREI / ROSWITHA FEGER DAS WIENER BIEDERMEIER IN DER ZEIT- GENÖSSISCHEN KUNSTGESCHICHTE Eine dritte Quelle der Zeitgeschichte, von deren Einfluss auf den Biedermeier-Begriff Johanns IL man ausgehen kann, ist die zeitgenössische Kunst- geschichtsschreibung. Im ersten Jahrzehnt war die Würdigung Wald- müllers auch hier allein auf seine Landschaften und Bildnisse bezogen. Obwohl beim Namen Waldmüller immer noch die meisten an seine Genrebilder denken würden, erklärte Roessler in seiner Monographie: «Als Genremaler entspricht er unserem Empfinden nicht mehr ganz; die Anordnung seiner Bilder ist uns meistens zu theatralisch, der Stoff zu anekdo- tisch».301 Ludwig Hevesi lieferte in seinem Buch «Öster- reichische Kunst im 19. Jahrhundert», das 1903 erschien, eine weit gefasste Besprechung der Wie- ner Biedermeierkünstler. Ausführlich beschäftigte er sich auch mit Käroly Marko dem Älteren, den er den bedeutendsten Landschaftsmaler der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nannte. Hevesi räumte aber ein, dass nur seine Frühzeit im Zusammen- hang mit den Wienern gesehen werden könne. Wie oben erwähnt, zählte auch Marko zu den beliebte- sten Künstlern des Fürsten Johann. Er war mit neun Gemälden in der Galerie vertreten; zwei da- von waren Miniaturen, die ideale Landschaften dar- stellen.302 Mit sehr offener Blickweise hatte Richard Mu- ther in seiner «Geschichte der Malerei», 1909 er- schienen, die Wiener Biedermeiermalerei betrach- tet.303 Zu den Bildnissen schrieb er: «Während man vor den Hamburger Bildnissen glaubt, dass die ganze Biedermeierzeit etwas Philiströses gehabt hätte, herrscht hier eine Feschigkeit von unsagba- rem Charme».304 Erstaunlicherweise beurteilte Muther die Senti- mentalität, die den Wienern immer wieder vorge- worfen wurde, positiv. Sie würden dort stehenblei- ben, «... wo das aufdringliche Melodram beginnen würde».3"5 
Der Kunsthistoriker Muther erkannte in dieser Malerei genau das, was von kulturhistorischer Sei- te, zum Beispiel von Albert Ilg, so dringend gesucht worden war: «... ein einheitlicher Stil der echt und ehrlich die Signatur der Epoche ausdrück- te».306 Doch warnte er vor Deutschtümelei und der Meinung, diese Malerei hätte sich weiterentwickelt, wenn man nur nicht angefangen hätte, nach Frankreich zu schauen - Ansichten, wie sie anläss- lich der Berliner Jahrhundertausstellung geäussert worden seien. Die Frage nach dem Nationalen in der Kunst könne durch diesen Vorwurf nicht abge- tan werden.307 Man könne von den Malern der Grossstädte Wien, Berlin, London, Paris, Kopenha- gen und St. Petersburg nach 1850 nicht mehr ver- langen, kleinstädterische und altväterliche Gemüt- lichkeit zu malen. Wenn man heute solche Verän- derungen bedauere, so sei dies blosse Nostalgie unter dem Deckmantel des Verlustes reinen 291) Tschudi. S. IX. 292) Ebenda. S. XXI. 293) Ebenda. S. XXII; Buchsbaum. Maria: Ferdinand Georg Wald- müller - Rebell im Bürgerrock. In: Kat. Ausst. Wien, 19S8, S. 165. 294) Tschudi, S. XXII. 295) Vgl. Kronfeld, S. 230-282, Nr. 2172. 2175-2182. 2184. 296) Dülberg, Franz: Die deutsehe Jahrhundert-Ausstellung. Leipzig, 1906, S. 33. 297) Ebenda, S. 31 f. 298) Ebenda, S. 32. 299) Ebenda. 300) Hermann. Richard: Ein Gang durch die Jahrhundert-Ausstel- lung (1775-1875). Berlin, 1906. S. 59 ff. 301) Roessler, Arthur: Ferdinand Georg Waldmüller. Wien, o. J. (1908). S. 23. 302) Vgl. Kronfeld, S. 215-220, Nr. 2062, 2065, 2068, 2087, 2090. 2099; Miniaturen: S. 246. Nr. 2298, 2300. 303) Muther, Richard: Geschichte der Malerei. Bd. III. 3. Aufl. Berlin, 1920. S. 446. 304) Ebenda. 305) Ebenda, S. 447. 306) Ebenda, S. 449. 307) Ebenda. 69
        

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