FÜRST JOHANN IL UND SEINE SAMMLUNG DER WIENER BIEDERMEIERMALEREI / ROSWITHA FEGER sah die niederländischen Vorbilder, doch vermisste er bei Gauermann das «Großsehen»: «Er war denn doch im Wesen kleinbürgerlicher Kleinmaler aus enger Zeit, die im Sauberen, Putzigen ihr Genüge fand».287 Für Hevesi blieb Waldmüller unerreicht. Demge- genüber machte Johann II. aus seiner Vorliebe für Gauermann keinen Hehl und zeigte von seinem Lieblingskünstler 16 Werke, während er nur 13 Bil- der von Waldmüller ausstellte. DIE BERLINER JAHRHUNDERT-AUSSTELLUNG (1906) - DAS DEUTSCHE URTEIL ZUR ÖSTER- REICHISCHEN BIEDERMEIERMALEREI Im Jahr 1906 veranstaltete die Königliche Natio- nalgalerie in Berlin die vielbeachtete «Ausstellung deutscher Kunst aus der Zeit von 1775-1875» un- ter der Leitung von Hugo von Tschudi und Julius Meier-Graefe. Sinn und Zweck dieser Ausstellung sei es, so der damalige Direktor der Nationalgale- rie, Hugo von Tschudi, die wenig bekannte deut- sche Malerei dieses Zeitraumes bekannt zu ma- chen. Sie habe bisher im Schatten Frankreichs ge- standen, welches für die Maler des 19. Jahrhun- derts der «klassische Boden» gewesen sei.288 Viele bis anhin unbekannte oder wenig bekann- te Malschulen wurden damit zum Gegenstand öf- fentlichen Interesses. Man suchte nach Talenten jenseits des Akademiediktates, die die Entwicklung deutscher Kunst vorantrieben und bisher unver- dient missachtet und vergessen worden seien. Noch wäre man nicht soweit, die Eigenständigkeit deutscher Kunst neben der französischen zu schät- zen, geschweige denn, sie als gleichwertig zu be- trachten. Immerhin wagten Tschudi und Meier- Graefe ein gleichartiges Unternehmen, wie es die Centennale der französischen Malerei im Jahr 1900 in Paris gewesen war.289 Die damalige «moderne» wissenschaftliche Be- trachtungsweise der Ausstellungskritiken zur Berli- ner Jahrhundertausstellung prägte stark die zeit- genössische Anschauung der Wiener Biedermeier- malerei. 
Johann II. hatte unter anderen auch Gemälde der Wiener Biedermeiermalerei nach Berlin verlie- hen. Darunter waren drei Gemälde von Friedrich Gauermann: «Vor dem Gewitter» - bzw. «Der Ern- tewagen», Anm. d. Verf. - (1837), «Im Schafstall» und «Ein Schimmel» (1833). Ausserdem wurden auch ein Blumenstilleben von Franz Xaver Petter (1791-1866), ein «Bauernmädchen» von Ranftl so- wie zwei Tierstücke von Johann Dallinger von Dal- ling dem Jüngeren in die Jahrhundertausstellung in Berlin verliehen.290 So kann vorausgesetzt wer- den, dass Fürst Johann II. die Kataloge und auch Kritiken zur Ausstellung geläufig waren. Die Ansichten der deutschen Kunstkritiker zur österreichischen Kunst des Biedermeier stimmten im allgemeinen mit der Beurteilung Tschudis in der Einleitung zum Ausstellungskatalog überein. 278) Ebenda, S. 217. Nr. 2078. Dem Historischen Museum schenkte Johann erstaunlicherweise ein Selbstbildnis Waldmüllers (1845; Öl auf Leinwand, 70 x 56 cm, HM Inv. Nr. 10125) sowie die «Junge Dame am Toilettentisch» (1840; Öl auf Holz, 39,5 x 31 cm, HM Inv. Nr. 10126). Beides sind sehr idealisierend aufgefasste Bildnisse mit Versatzstücken wie Blumen oder Draperien. Sie sind weit entfernt von einer nüchternen und realistischen Darstellung, die Hevesi besonders lobte (Hevesi 1906 (a), S. 60). 279) Ebenda, S. 61. 280) Hevesi, Ludwig.: Die Moderne Galerie. 11. April 1903. In: Acht Jahre Sezession. Wien, 1906 (b), S. 435. - Im Folgenden zitiert als: Hevesi 1906 (b). 281) Kronfeld. S. 222, Nr. 2110, 2111; S. 225, Nr. 2126. 282) Hevesi 1906 (b), S. 435. 283) Ebenda, S. 436. 284) Ebenda. 285) Feuchtmüller 1996, S. 315, Anm. 412. 286) Hevesi, Ludwig: Friedrich Gauermann. 28. November 1907. In: Altkunst - Neukunst. Wien, 1909, S. 107 f. 287) Ebenda, S. 108. 288) Tschudi, Hugo von: Ausstellung deutscher Kunst aus der Zeit von 1775-1875 in der Königlichen Nationalgalerie Berlin 1906. Bd. 1. München, 1906, S. IX. - Im Folgenden zitiert als: Tschudi. 289) Ebenda, S. X-XII. 290) Höss, S. 68; Ausstellung deutscher Kunst aus der Zeit von 1775-1875. Kat. Ausst. München. 1906, Nr. 322, 323 (Dallinger). Nr. 580-582 (Gauermann), Nr. 1331 (Petter), Nr. 1383 (Ranftl). 67
        

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