Auf die Bildnisse Waldmüllers ging Hevesi nicht ein. Es wäre sicher gewagt anzunehmen, dass dies der Grund war, warum Johann II. nur ein einziges Bildnis Waldmüllers ausgestellt (Abb. 38), zwei weitere aber dem Historischen Museum geschenkt hatte.278 Mit keinem Wort erwähnte Hevesi die Genrebil- der Waldmüllers, obwohl diese, zusammen mit den Bildnissen, im Oeuvre Waldmüllers gegenüber den Landschaften überwiegen. In der Galerie Liechten- stein waren ebenfalls keine Genrebilder von Wald- müller zu sehen. Eine wichtige Bemerkung machte Hevesi zum Stil Waldmüllers: «Schon die Handschrift war wienerisch, mit ihren gewissen Druckern und Eigenheiten. Es war lokale Gebärde darin. Und die Farbe mit ihren kräftigen Lokaltönen erinnert an das Rot unserer Äpfel und das Blau unserer Pflaumen». 
27'1 Auch Hevesi war vor lokalpatriotischer Bewunde- rung nicht gefeit, trotz des offensichtlichen Be- mühens, nur künstlerische Kriterien zur Beurtei- lung heranzuziehen. Verfolgt man die Berichte Hevesis weiter, so wird auch hier spürbar, dass das Wiener Bieder- meier als Kunstbegriff um 1900 noch nicht eindeu- tig definiert war. Es waren noch immer nur vor- sichtige Annäherungen an diesen Stil, der sich in der Zeit des Vormärz herausgebildet hatte. So be- richtete Hevesi von seinem Gang durch die Eröff- nungsausstellung der Modernen Galerie im April 1903: «Immer weiter zurück greift die Malerei. Die Schön- farbigkeit Amerlings blüht wieder auf. Schwind, Führich, Schnorr von Carolsfeld, aber auch Dan- hauser. Es vormärzelt, die damalige Moderne ruft sich in Erinnerung».280 Ähnliche Unsicherheiten der Stilzuordnung fanden sich auch in der Galerie Liechtenstein. Dort hingen Werke der Nazarener Josef Führichs (1800-1876) und Johann Evangelist Scheffer von Leonhardshoff (1795-1822) an der gleichen Wand wie Gemälde von Fendi, Ritter oder Eybl.281 
In der Eröffnungsausstellung der Modernen Ga- lerie hat Hevesi 25 Gemälde von Alt gezählt.2S2 Ru- dolf von Alt war dank der Sezession zu einem der bekanntesten Künstler Wiens, insbesondere der er- sten Jahrhunderthälfte, geworden. So war er denn auch in der Galerie Liechtenstein, nach Gauer- mann, mit 14 Bildern am stärksten vertreten. Es hat den Anschein, als habe sich Johann II. mit der Hängung der Wiener Biedermeiermalerei auch an der Ausstellung der Modernen Galerie ori- entiert. Wenn dem so wäre, folgte er dieser wie auch LIevesis Kritik nicht einfach blind: Hevesi be- zeichnete die «Klostersuppe» oder den «Nikolo» (wie erwähnt hatte der Fürst dieses Bild selbst der Akademie geschenkt) sowie eine «Grosse Prozessi- on» als Kapitalstücke Waldmüllers,283 Johann aber stellte bekanntlich fast ausschliesslich Landschaf- ten von Waldmüller aus. In seiner stets ironischen Sprache konnte Flevesi nicht umhin, eine Anspielung auf die Diskrepanz des neu aufgekommenen Lokalpatriotismus im Schmelztiegel Wiens zu machen: «Den Erfolg, den gewiss schon dieses Interim (der Waldmüllerausstellung in der Modernen Galerie, Anm. d. Verf.) bei den Wienern haben wird, dürfte den Patriotismus des Privatbesitzes wecken. Die Wiener Sir Richard Wallace, Dutuit und Thomy Thiery haben nun den schönsten Anlaß, sich mit dauerndem Ruhm zu bedecken». Neben dem von Hevesi so verehrten Waldmüller konnte zu dieser Zeit nur noch Gauermann als Bie- dermeiermaler bestehen. Waldmüllers überdrüssig gewordene Kunstkritiker setzten diese beiden Künstler sogar in Konkurrenz zueinander.285 Auch Ludwig Hevesi äusserte sich positiv zur Gauer- mann-Ausstellung in der Galerie Miethke in Wien 1909. Nach einigen Bemerkungen zur Waldmüller- Euphorie liess er in seiner Kritik detaillierte und ge- naue Betrachtungen zu Gauermanns Oeuvre folgen. So kritisierte er den anekdotisch erfassten mensch- lichen Blick der Tiere oder den Geier, der allzu sehr an das ausgestopfte Exemplar in der Jägerstube er- innere; dennoch erkannte er Gauermann den Rang des hervorragenden Tiermalers nicht ab.286 Hevesi 66
        

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