FÜRST JOHANN IL UND SEINE SAMMLUNG DER WIENER BIEDERMEIERMALEREI / ROSWITHA FEGER «Ich vermag mir nicht vorzustellen, wie man einen Schritt vorwärts thun kann, ohne zu wissen, wie es hinter unserem Rücken aussieht; allerdings ist Vorwärtsschreiten unsere Bestimmung, aber ich kann doch nicht wahllos blos beliebig dahinlaufen: ich muss mir eine Richtung suchen, und die finde ich doch nur, indem ich erforsche, welchen Weg bisher die Dinge gegangen sind, mag ich diese Strasse dann nun verlassen oder beibehalten». '^ An dieser Stelle führen die Beispiele von Patriotis- mus und neu erwachtem national-historischem Be- wusstsein zurück zur Schenkung der Wiener Bie- dermeiergemälde an das Historische Museum der Stadt Wien im Jahr 1894. Fürst Johann II. leistete damit seinen Beitrag zur Identitätsfindung durch die eigene, vielen noch vertraut erscheinende Geschichte. Den Wienern wurde anhand dieser Bilder ermöglicht, sich in der Bildungsinstitution des Museums auf die Wertvor- stellungen und die vermeintliche Wirklichkeit ihrer Väter zu besinnen und sich daran ein Beispiel zu nehmen. Das Phänomen des Historismus war Ende des 19. Jahrhunderts ohnehin zum Untergang verur- teilt. Das «Fin de Siecle», von Kulturpessimismus und irrationalen Strömungen bestimmt,259 hatte in Wien längst Fuss gefasst. Die noch wenige Jahre zuvor so grossartig erschienene Ringstrasse wurde von der jungen Generation nicht mehr verstanden; sie konnte sich mit diesem Denkmal einer eigen- ständigen kulturellen und künstlerischen Leistung des gründerzeitlichen Grossbürgertums nicht mehr identifizieren. Um so mehr suchte man anstatt der in ganz Europa und seiner Geschichte gemachten Anleihen nach den Wurzeln eigener künstlerischer Identität.260 Man fand den letzten künstlerischen Höhepunkt Österreichs in der Zeit des Vormärz und damit in der Wiener Biedermeiermalerei. Die Bestrebungen der immer noch dem Ge- schichtlichen verhafteten Generation und der nach- folgenden, nach neuen geistigen und künstleri- schen Werten suchenden Generation trafen sich in der Wiederentdeckung der Kunst des Wiener Bie- dermeier -jedoch mit unterschiedlichen Zielen. 
Ilg hatte sich noch ausdrücklich gegen eine Ver- herrlichung der Vergangenheit und stattdessen für einen gesunden Patriotismus ausgesprochen, der nur aus dem Verständnis und der Akzeptanz der eigenen Geschichte erwachsen könne. Doch die Empfindsamkeit des «Fin de Siecle» führte bald zu einer Flucht in Extreme. Ein Merkmal der «Fin de Siecle»-Stimmung war die Suche nach dem eigenen Selbst, der eigenen Seele. Über persönliche Bindungen und Beziehun- gen zur Heimat, dem Ort der Verwurzelung, glaub- te man jene Werte aufbauen zu können, die eine Selbstfmdung ermöglichten.261 Diese Grundtendenz äusserte sich in verschiedenen Bewegungen, die aus der Sicht von Hamand und Hermann durchaus mit einem neu verstandenen Historismus zu ver- gleichen sind. Sie nennen die halb nazarenische, halb präraffaelitische «Neo-Gotik», die «sachliche Humanität» oder den «romantisch-utopischen Flü- gel», dem auch der «Biedermeierkult» nahe kom- me.262 Neben dem idyllischen Landhausleben oder der Geborgenheit und Gemütlichkeit eines bürger- 249) Ebenda, S. 10. Der Aquarellzyklus wurde von Erzherzogin Sophie in Auftrag gegeben und befindet sich heute in den Sammlun- gen des Fürsten von Liechtenstein. 250) Ebenda, S. 24. 251) Ilg, Albert: Unsere Künstler und die Gesellschaft. In: Gegen den Strom. Heft VIII. Wien. 1886, S. 29. 252) Ebenda, S. 45. 253) Ebenda, S. 32 f. 254) Ebenda, S. 35. 255) Ebenda, S. 34 f. 256) Fillitz (wie Anm. 241), S. 20. 257) Ilg, Albert: Der historische Sinn. In: Gegen den Strom. Heft XXIII. Wien, 1890, S. 31. 258) Ebenda, S. 11. 259) Iggers, Georg G.: Deutsche Geschichtswissenschaft. München, 1971, S. 166 f. 260) Dankl (wie Anm. 30), S. 44. 261) Hamand, Jost; Hermann, Richard: Stilkunst um 1900. 2. Aufl. München, 1973, S. 11. 262) Ebenda, S, 12 ff. 63
        

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