FÜRST JOHANN IL UND SEINE SAMMLUNG DER WIENER BIEDERMEIERMALEREI / ROSWITHA FEGER Das Museum richtete 1895 ein «Fürst-Liechten- stein-Zimmer» in den seit 1888 bezogenen Räum- lichkeiten im Neuen Rathaus in Wien ein und machte die Schenkung dem Publikum in ihrer Ge- samtheit zugänglich.230 Vielleicht wählte Johann das Historische Muse- um aber auch zufällig. Wie bereits erwähnt, debat- tierten die verschiedenen Künstlervereinigungen Wiens schon des längeren über die Gründung einer staatlichen Sammlung. Einen ersten Höhepunkt er- reichten diese Verhandlungen im Februar 1894. Die Künstlervereinigung liess 1894 in einer offiziel- len Druckschrift verlauten, dass dem Staat die fi- nanziellen Mittel zur Gründung einer Modernen Galerie fehlten und man daher an die Unterstüt- zung von privater Seite denke.231 Noch im gleichen Jahr schenkte der Fürst von Liechtenstein dem städtischen Museum die genannten Bilder aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.232 Möglicher- weise war mit der Einrichtung des «Fürst-Liech- tenstein-Zimmers» auch eine gewisse Werbeab- sicht verbunden, um durch die besondere Ehrung des Fürsten andere Sammler zu weiteren Schen- kungen zu animieren. Ausser dem Historischen Museum hätten diese Werke bis zur Eröffnung der Modernen Galerie 1903 ebenso der Akademie der bildenden Künste zugedacht werden können, zumal der Fürst ein grosser Gönner der Gemäldegalerie der Akademie war: Er schenkte dieser insgesamt 45 Werke und zwar im zeitlichen Rahmen von Sandro Botticelli bis Franz Defregger. Zu den Biedermeiergemälden gehörten unter anderen das «Bildnis einer Abyssi- nierin» (1840) und eine heroische Landschaft von Amerling. Des weiteren gehörten dazu eine Land- schaft (1857) von Käroly Marko dem Älteren, «Der Nikolo» (1851) von Waldmüller und die «Heimkehr von der Jagd» von Friedrich Gauermann.233 Dass Waldmüller zu Lebzeiten grosse Auseinan- dersetzungen mit der Akademie gehabt hatte, die schliesslich zu seiner strafweisen Pensionierung führten, hielt den Fürsten offenbar nicht davon ab, der Akademie auch Bilder von Waldmüller zu schenken.234 Die Tatsache, dass die Gemäldegalerie der Akademie in staatlichem Besitz war, kann dar-auf 
hindeuten, dass der Fürst seine Bilder bewusst der Stadt Wien schenken wollte. Johann IL verstand Kunst offenbar als geschicht- liches Element. Diese Ansicht muss im Kontext der geistesgeschichtlichen Strömungen in Wien um 1900 gesehen werden, um wechselseitige Auswir- kungen der Kunst- und Geschichtsrezeption dieser Zeit zu verstehen. Zuvor muss aber kurz die weitere Entwicklung der Modernen Galerie verfolgt werden, um die Ge- schehnisse im Zusammenhang zu verstehen. Zur Eröffnung der Modernen Galerie mussten zehn Werke Waldmüllers «vorläufig» vom Historischen Museum verliehen werden.235 Möglicherweise trug diese Waldmüller-Sammlung dazu bei, einen weite- ren Sammlungsschwerpunkt der Modernen Galerie - neben dem der internationalen zeitgenössischen 223) 1838: Öl auf Holz, 36,8 x 30 cm. 224) Schröder, Klaus Albrecht: Kunst als Erzählung. In: Wiener Biedermeier. München, 1992, S. 20. 225) Ebenda, S. 21. 226) Ebenda, S. 19. 227) de Capitani. Francois: Nation, Geschichte und Museum im 19. Jahrhundert. In: Der Traum vom Glück. Kat. Ausst. Bd. I. Wien, 1997. S. 33. - Im Folgenden zitiert als: de Capitani. 228) Bisanz, Hans: Kunst im Rahmen der Geschichtsdarstellung. In: Hundert Jahre Historisches Museum der Stadt Wien. Kat. Ausst. Wien, 1987, S. 44. 229) Vgl. Höss, S. 315-346. 230) Deutschmann (wie Anm. 215). S. 16 f. 231) Mlnarik, Heinz: «Wien entbehrt dieser wichtigen Grundlage für sein Kunstleben». In: Belvedere 2 (1996), S. 38. - Im Folgenden zitiert als: Mlnarik. 232) Wiener Communal-Kalender und städtisches Jahrbuch 1895. 33. Jahrgang. Wien, 1895. S. 414. 233) Höss, S. 89-98. Vgl. auch: Lützow, Carl von: K. k. Akademie der bildenden Künste. Katalog der Gemälde-Galerie. 2., neubearb. Aufl. Wien. 1900. Nr. 1092, 1094, 1112, 1135, 1143, 1 144, 1159, 1167. 234) Börsch-Supan (wie Anm. 38), S. 363; vgl. Höss, S. 95; Lützow. Nr. 1092. 1135. 1144. 235) Vgl. dazu auch den Katalog der Modernen Galerie in Wien. Wien, 1903. 59
        

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