Eine so grosse Schenkung von qualitätvollen Gemälden muss also in jeder Hinsicht ziemlich überraschend gewesen sein. Von jetzt an musste die Sammeltätigkeit des Museums neu bedacht werden. Es ergab sich geradezu eine moralische Verpflichtung, weiterhin Kunstwerke von Wiener Künstlern zu sammeln,216 zumal die grosse Anzahl und die gute Qualität der fürstlichen Gemälde be- reits einen ansehnlichen Grundstock legte. Überraschend war vermutlich auch, dass es aus- gerechnet Gemälde des Biedermeier waren, die dem Museum in so grosser Zahl überreicht wurden. Bisher hatte man den österreichischen Barockstil als letzte hervorragende künstlerische Leistung ge- wertet. Die Zeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhun- derts galt als «grauer Winterschlaf».217 Man glaubte zunächst, der Fürst wolle auf diese Weise die Gründung einer städtischen Galerie, die Werke von Wiener Künstlern aufnehmen sollte, for- cieren. Die Kunstchronik berichtete 1894: «Der regierende Fürst Johann Liechtenstein hat der Stadt Wien für das s tädtische Museum eine an- sehnliche Zahl Bilder von besten Meistern der Alt- wiener Schule gespendet... Dieser hochherzige Akt des Fürsten dürfte aber von weittragenden Folgen für die Verwirklichung der schon längere Zeit ge- planten Absicht sein, anlässlich des fünfzigjähri- gen Regierungsjubiläums des Kaisers Franz Josef eine städtische Galerie zu gründen, die die Werke älterer und jüngerer Wiener Künstler enthalten so//».2lfi Von den 31 Gemälden, die heute noch mit Be- stimmtheit dieser Schenkung zugeordnet werden können, sind allein 18 Bilder von Waldmüller.219 Anders als im Bestand der Galerie Liechtenstein waren darunter nur sechs Landschaften; zwei da- von waren Praterlandschaften, eine «Baumgruppe im Prater» und eine «Waldwiese im Prater». Letz- tere wird heute dem Maler Rudolf Torna (1792- 1869) zugeschrieben.220 Die Praterlandschaften malte Waldmüller anfangs der 1830er Jahre. An- ders als die Landschaften im Salzkammergut wa- ren dies aber nüchterne Naturstudien, die nicht durch topographische Darstellungen mit einer ver-trauten 
Gegend in Verbindung gebracht werden konnten.221 Des Weiteren befinden sich, neben einem Selbst- porträt und dem Porträt einer «Jungen Dame am Toilettentisch», die Pendants einer «Veneziani- schen Wasserträgerin» und eines «Venezianischen Obstverkäufers» unter den Waldmüllerbildern. Alle anderen Bilder sind Genrestücke mit Titeln wie «Die Pfändung», «Der Abschied des Rekruten» oder «Auf einem Baue» und sind dem moralisie- renden, das Letztere gar dem sozialkritischen Gen- re zuzuordnen. Teilweise sind es auch jene späten Bilder Waldmüllers, wo eine eindeutige Zuordnung zu Landschaftsbild oder Genrestück nicht mehr möglich ist. Die Menschen dienen hier nicht der fi- guralen Staffage, sondern ordnen sich in selbstver- ständlicher Verbundenheit in die Natur ein. Die Landschaft ist nun nicht mehr Hintergrundkulisse, sondern dominiert als absolute Wirklichkeitsdar- stellung das Geschehen.222 Es ergibt sich also, dass Johann 11. andere Bilder aus Werkgruppen Waldmüllers dem Museum schenkte als jene, die er in seiner Galerie ausge- stellt hatte. Nur die Landschaften aus dem Salz- kammergut und das Selbstbildnis von Waldmüller bilden in dieser Hinsicht eine Ausnahme. 216) Bisanz 1993. 217) Hevesi 1903 (wie Anm. 174), S. 3. 218) Kunstehronik V (1894). Nr. 32. Sp. 523; vgl. auch Ilg. Albert: Die fürstlich Liechtenstein'sche Kunstwidmung an die Stadt Wien. In: Monatsblatt des Alterthums-Vereines zu Wien 11 (1894). Nr. 11, S. 153. 219) Drei Bilder Waldmüllers waren nach einer Neuinventarisierung 1951 nicht mehr vorhanden; es sind dies das «Mädchen mit Kör- ben», die «Venezianische Wassorträgerin» und der «Leopoldsberg mit Blick auf Klosterneuburg», wobei die beiden letzteren Kriegsver- luste sind (Wien 1993, Kat. Nr. 59.2 und 59.6). 220) Thieme-Becker. Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Bd. 33. Leipzig. 1930. S. 250. s. v. «Torna, Rudolf». 221) Schröder. Klaus Albrecht: Ferdinand Georg Waldmüller. Mün- chen. 1990, S. 26. 222) Buchsbaum, Maria: Ferdinand Georg Waldmüller 1793-1865. Salzburg, 1976, S. 178. 56
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.