FÜRST JOHANN IL UND SEINE SAMMLUNG DER WIENER BIEDERMEIERMALEREI / ROSWITHA FEGER DIE GENREMALEREI VORBILDER STATT ERZIEHER Vordergründig betrachtet ist die Genremalerei in der Sammlung Liechtenstein hervorragend vertre- ten. Fast jeder bedeutende Künstler war mit wenig- stens einem oder zwei Werken in der Ausstellung zu sehen: Friedrich Gauermann, Peter Fendi, Jo- hann Matthias Ranftl, Friedrich Treml, Franz Eybl, Eduard Ritter, Michael Neder, Albert Schindler, Ig- naz Raffalt und auch Rudolf von Alt. Die Wiener Genremaler hatten sich zum Ziel ge- setzt, nicht nur das Alltägliche als solches darzu- stellen, sondern die tägliche Wirklichkeit zu erfas- sen und zu werten. Genreszenen wurden oft mit moralischen oder religiösen Inhalten, wie zum Bei- spiel Volksfrömmigkeit oder Patriotismus, belegt.175 Nur in wenigen Ausnahmen klagten sie die Gesell- schaft und ihre Missstände an. Vielmehr ging es um die dargestellte Person, die aufgrund ihrer un- glücklichen Situation das Mitleid des Betrachters erwecken sollte.176 Vergegenwärtigt man sich die Inhalte der Bilder aus der Galerie Liechtenstein, so fällt auf, dass sich durchwegs angenehme Szenen abspielen und sich keine Mitleid erregenden Tragödien dargestellt fin- den. Die Themen der liechtensteinischen Genrebil- der sind Frömmigkeit, Mutterliebe und unbe- schwerte Kindheit, Rast von der Arbeit des Tages. Besonders im einfigurigen Genrestück wird der Mensch im Einklang mit der Natur gesehen. Das Genrebild als moralischer Erzieher existiert in der Galerie nur im Sinne eines erstrebenswerten Vor- bildes, nach dem Motto: «So sollte es sein!». Am deutlichsten kommt die Einseitigkeit der Genremalerei in der Galerie Liechtenstein bei Peter Fendi zum Ausdruck: Obwohl Genrestücke, die ideale Wertvorstellungen vermitteln, typisch sind für Fendi, gilt er aber auch als Erfinder jener Rich- tung sogenannter «Mitleidsbilder», die zwar ideali- sierend, aber ergreifend auf das Unglück des Ein- zelnen hinweist.177 
Von anderer Art sind die Fendi-Bilder der Gale- rie Liechtenstein, wie zum Beispiel das Gemälde «Besuch bei der Klosterfrau»178 (Abb. 29). Eine Mutter besucht mit ihren zwei Kindern eine Nonne in Klausur. Durch das offene Fenster reicht diese dem Mädchen ein Heiligenbildchen, während das Kind ihre Hand küsst. Das andere Kind versteckt sich ängstlich hinter dem Rock der Mutter. Ne- bensächlichkeiten wie den kleinen Korb des Mäd- chens überging Fendi nicht. Die Freude am Stille- ben verführte ihn dazu, in den Korb der Mutter ei- nen eben auf dem Markt gekauften Fasan und ei- nen Hasen zu legen, dessen Kopf und Läufe über den Korbrand ragen. Fast ebenso viele Werke wie von Fendi besass der Fürst von Johann Matthias Ranftl (1804-1854). Obwohl Ranftl ein Maler war, der in seinen Genre- bildern oft auf Mitleid und Anteilnahme des Publi- kums pochte, beispielsweise wenn er die Not der Arbeiterkinder schilderte,179 finden sich in der Ga- lerie nur Darstellungen unverfänglichen Inhalts - zumindest soweit der Bildinhalt anhand der Titel und der Beschreibung Adolph Kronfelds noch er- schlossen werden kann. Die meisten Bilder von Ranftl gehören heute nicht mehr zum Besitz des Fürsten von Liechtenstein. Ein Beispiel von Ranftls Malerei ist «Der Kirch- gang»180 (Abb. 30). Im Galerieführer von Kronfeld ist folgender unzulänglicher Titel angegeben: «Land- schaft mit einem Bache und einer Kirche».181 Da- 175) Frodl 1987, S. 20. 176) Bisanz, Hans-. Einführung in das Werk von Peter Fendi. In: Bürgersinn und Aufbegehren. Kat. Ausst. Wien, 1988, S. 163. - Im Folgenden zitiert als: Bisanz 1988. 177) Bisanz 1988, S. 162 f. 178) 1838; Öl auf Holz, 27 x 34 cm. Die Räumlichkeiten befinden sich im ehemaligen Ursulinenkloster in Wien (Kat. Ausst. Wien 196,3. S, 26 f.. Nr. 57). 179) Krapf-Weiler, Almut: Johann Matthias Ranftl. In: Wiener Biedermeier. München, 1992. T. 179-183. 180) 1846; Ol auf Holz, 42 x 33 cm. 181) Kronfeld, S. 220, Nr. 2101. 43
        

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