gegen die Räter in ihr Land verlegten, stimmte der Liechtensteiner Historiker Peter Kaiser weitgehend mit den Vorarlberger Autoren überein. Insgesamt bildete er «ein gutes Beispiel dafür, dass eine positi- ve Bewertung der Romanisierung mit dem Bild der wilden, kämpferischen Räter durchaus konform ge- hen kann» (S. 40). Der zweite Abschnitt in Trusenneggs Buch setzt sich mit der «Bewertung der römischen Epoche» in den Jahrzehnten nach der Gründung des Vorarl- berger Museumsvereins (1857) bis zum Ersten Weltkrieg auseinander. Dabei lässt sich feststellen, dass es «zu einer Art Parallelentwicklung» kam: Im Gefolge der Ausgrabungen in Bregenz, die von den beiden liberalen und protestantischen Unterneh- mern Samuel Jenny und Carl Ferdinand v. Schwer- zenbach geleitet und finanziert wurden, entwickel- te sich auf der einen Seite «eine archäologische Li- teratur, welche die laufenden Grabungen in vorwie- gend sachlicher Weise dokumentiert», sowie eine breite Diskussion über die Lokalisierung der römi- schen Strassenstation Clunia, «wobei in diesem Zu- sammenhang der Wunsch nach einem bedeuten- den Römerort im Vorarlberger Oberland als ge- dachtem Gegenpol zu Brigantium im Vorarlberger Unterland sicher eine nicht unwesentliche Rolle spielt». Auf der anderen Seite standen die nun «mengenmässig stark reduzierten gesamthistori- schen Darstellungen». Sie blieben weitgehend un- beeinflusst von den Ergebnissen der archäologi- schen Forschungen und damit den traditionellen Fragestellungen sowie den antiken Schriftquellen verbunden. «Doch lassen sich innerhalb dieses Ge- schichtsbildes deutliche inhaltliche Veränderungen feststellen. Die Frage nach der vorrömischen Be- völkerung tritt in den Hintergrund, und stattdessen lässt sich eine zunehmende Auseinandersetzung mit den germanischen Stämmen feststellen, wobei sukzessive identitätsstiftende Elemente von den Rä- tern auf die Germanen übertragen werden» (vgl. S. 188). Dieser Aspekt leitet über zum dritten und letzten Abschnitt des ersten Buchteils. Bei der Vorarlber- ger Geschichtsschreibung von 1919 bis 1945 ge- langt die Autorin zu folgendem Urteil: «Allgemein 
betrachtet nimmt ... nicht nur die Vielzahl der ver- tretenen unterschiedlichen Standpunkte zu, son- dern auch die Deutlichkeit, mit der diese verfoch- ten werden. Von einem einheitlichen Geschichts- bild der römischen Epoche kann also in dieser Pha- se der Vorarlberger Landesgeschichtsschreibung weniger denn je gesprochen werden. Zudem sind jene, bis zu diesem Zeitpunkt in den Darstellungen immer wiederkehrenden konstanten Faktoren im Bild des römischen Vorarlberg nicht mehr rich- tungsweisend, sondern es wird beliebig auf sie zurückgegriffen. Die zunehmende Sympathie für den Nationalsozialismus und die allgemeine Ger- manophilie übt unzweifelhaft einen starken Ein- fluss auf das römische Geschichtsbild in der Vorarl- berger Landesgeschichtsschreibung aus, eine ein- heitliche Orientierung des Geschichtsbildes in diese Richtung wird aber offensichtlich nicht erreicht» (S. 189). Truschnegg legt mit ihrem Buch eine gediegene Forschungsgeschichte und -dokumentation vor, die nicht nur wegen ihres vergleichenden Ansatzes weit über den Vorarlberger Raum hinaus Interesse beanspruchen kann. Sie belegt uns einmal mehr in eindringlicher Form, dass das Bewusstsein der Be- dingungen und Methoden stets eine unabdingbare Voraussetzung für eine sinnvolle Auseinanderset- zung mit der Vergangenheit bildet. Es ist zu hoffen, dass andere Epochen und Regionen in näherer Zu- kunft ähnliche Bearbeitungen wie in der vorliegen- den Publikation erfahren. 242
        

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