FÜRST JOHANN IL UND SEINE SAMMLUNG DER WIENER BIEDERMEIERMALEREI / ROSWITHA FEGER Schließlich verlangte man sogar, dass er eine sol- che Sammlung, der die Versteigerung wenig gün- stige Aussichten bot, vor der Auktion als Ganzes erwürbe; man drohte, für den Fall, dass er darauf nicht eingehe, mit einer abfälligen Kritik seiner bisherigen Erwerbungen für die Liechtenstein-Ga- lerie. Der Fürst ließ sich nicht einschüchtern, aber auch der Händler führte seine Drohung aus».65 Das Ergebnis war eine Polemik in der Wiener All- gemeinen Zeitung vom 6. Februar 1884, vom Wie- ner Kunsthistoriker Alfred von Wurzbach ausge- hend. Er warf dem Fürsten vor, bei der 1881 statt- gefundenen Versteigerung von 400 Gemälden aus der Sammlung Liechtenstein in Paris viele der schönsten Werke - unfähig, diese nach ihrem künst- lerischen Wert beurteilen zu können - buchstäblich verschleudert zu haben.66 Diese Kritik wurde zwar mit drei Jahren Verspätung geäussert, sie verletzte aber den Fürsten immer noch sehr, so dass er kur- zerhand die Galerie für einige Zeit schloss.67 Die hochgehenden Emotionen, durch die Hand- lungen des Fürsten in der Öffentlichkeit hervorge- rufen, illustrieren, mit welcher Aufmerksamkeit in Wien an den Geschehnissen in der Galerie Liech- tenstein teilgenommen wurde. Ungeachtet dieser Geschehnisse wussten die Zeitgenossen, laut einem Artikel der «Zeit» vom 3. März 1907, die Bemühungen Johanns II. zu wür- digen: «Die einzige öffentliche Wiener Galerie, die vom kunstgeschichtlichen Standpunkt vollkommen rich- tig angeordnet ist, ist die des regierenden Fürsten von Liechtenstein in der Fürstengasse im 9. Bezirk. In dieser Galerie hat der fürstliche Besitzer selbst, einer der größten Kunstkenner, die Sammlung nach vollkommen modernen, wissenschaftlichen Prinzipien geordnet, und diese Galerie ist nicht nur eine der größten Sehenswürdigkeiten Wiens, son- dern auch selbst Europas».68 Die Galerie Liechtenstein avancierte unter Fürst Johann II. sogar zum «Publikumsliebling» der Wie- ner Museen. Die Wiener Zeitung «Der Morgen» veröffentlichte am 28. August 1911 eine Studie, 
nach der die Galerie Liechtenstein im Juli 1910 insgesamt 2541 Besucher zählte, das Kunsthistori- sche Hofmuseum aber nur 1807. Und während die Besucher des Kunsthistorischen Hofmuseums im Juli 1911 sogar auf 1450 zurückgingen, konnte die Galerie Liechtenstein immer noch 2149 Eintritte verzeichnen.6" Die Biedermeiermaler wurden in der zweiten Etage der Galerie gezeigt. Von 15 Räumen waren Saal III, IV und XV den «modernen Malern» gewid- met, Saal V für Waldmüller und Miniaturen sowie Saal XVI für Aquarelle und Zeichnungen. Dem arithmetischen Bilderverzeichnis Kronfelds kann man entnehmen, dass in Saal III hauptsächlich Ma- ler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausge- stellt waren. Den Biedermeiermalern waren die Säle IV und V vorbehalten, während in Saal XV nur wenige Biedermeiermaler, dafür aber die Werke von August von Pettenkofen zusammen mit Malern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und auch mit deutschen Schulen gezeigt wurden. Im Saal der Aquarelle und Zeichnungen war etwa das gleiche Verhältnis von Malern des Wiener Biedermeier und anderen Künstlern zu finden. Alle Bilder hingen, vermutlich nach ästhetischen Gesichtspunkten ge- ordnet, in willkürlicher Reihenfolge. Einzig die 61) Peter Paul Rubens «Landschaft mit Bäuerinnen und Kühen», um 1617; Ol auf Holz, 76 x 107 cm. Inv. Nr. G 412. Erworben 1880 durch Fürst Johann IL (Baumstark 1980. S. 141, Abb. 46). 62) Gerard ter Borch «Bildnis des Malers Jan van Goyen», um 1652; Öl auf Holz, 20 x 16 cm. Inv. Nr. G 893. Erworben 1890 durch Fürst Johann 11. (ebenda, S. 220, Abb. 90). 63) Vgl. ebenda, S. 13. 64) Tietze, Hans: Die Wiener Kunstmuseen. Wien. Leipzig, 1925, S. 13. 65) Bode 1908. 66) Wurzbach 1 884 (wie Anm. 11). 67) N.N.: Kleine Geschichten. Neues Wiener Tagblatt vom 20. Feb- ruar 1884. 68) N.N.: Die Wiener Gemäldegalerien. Die Zeit (Wien) vom 3. März 1907. 69) N N.: Der Fremdenbesuch der Wiener Sehenswürdigkeiten. Der Morgen (Wien) vom 28. August 1911. S. 2. 17
        

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