DIE FUNDMUNZEN VOM KIRCHHUGEL BENDERN HARALD RAINER DERSCHKA VARIA An münzähnlichen Objekten liegen zwei Rechen- pfennige vor. Rechenpfennige sind flache, in der Art von Münzen beidseitig beprägte, runde Mes- singstücke. Mit ihrer Hilfe führte man im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit auf einem Li- niensystem - sei es auf einem Rechenbrett, sei es auf einem Tischtuch - die Grundrechenoperationen durch.127 Rechenpfennige finden sich vorzugsweise dort, wo grössere Geldsummen umgesetzt wur- den;128 allerdings gibt es auch Indizien dafür, dass in Zeiten der Kleingeldknappheit Rechenpfennige als Kleingeldersatz umliefen.'29 Der unansehnlichere der beiden Rechenpfenni- ge (Nr. 357) weist auf der Vorderseite ein für Re- chenpfennige des 16. Jahrhunderts typisches Motiv auf, nämlich eine zentrale Rosette, um welche drei Lilien und drei Kronen radial angeordnet sind. Eine Umschrift, die eine genaue Zuweisung des Stückes erlaubte, fehlt; statt dessen deuten kleine Rechtecke die Buchstaben an. Bei Stücken wie die- sem handelt es sich vielleicht um jene billigen Nachahmungen der grösseren und qualitativ bes- seren Rechenpfennige aus den autorisierten Mei- sterbetrieben Nürnbergs, um deren Verbot man sich dort mehrfach, wohl erfolglos, bemühte; dieser Umstand macht eine genauere Datierung freilich unmöglich.1'10 Das zweite Stück (Nr. 358) lässt sich der Werk- statt von Kilian Koch zuordnen, der zwischen 1587 und 1632 in Nürnberg Rechenpfennige schlug;131 es imitiert einen französischen Rechenpfennig der Zeit König Heinrichs III. (1574-1589).1:12 Durch die Anlehnung an französische Vorbilder wollten sich die exportabhängigen Nürnberger Rechenpfennig- schlager offenbar den französischen Markt er- schliessen. Das Vorkommen zweier Nürnberger Rechenpfennige (beziehungsweise einer Imitation nach Nürnberger Vorbild) an einem Fundplatz des Alpenrheintales erstaunt weiter nicht; scheint sich doch die gesamte Ostschweiz überwiegend in Nürnberg mit Rechenpfennigen versorgt zu ha- ben.11" 
An Plomben liegt ein wohl ins 15. Jahrhundert zu datierendes Exemplar vor (Nr. 359). Für eine ge- nauere Bestimmung hat sich die Prägung auf dem weichen Basismetall nicht scharf genug erhalten; möglicherweise zeigt die Rückseite den Ulmer Stadtschild. Zwei moderne Plomben sind ausweis- 124) Vgl. etwa den Prägeschlüsscl für 1875-1938 in Jaeger, Deutsch- land. S. 55. und für 1933-1945 ebd. S. 360. 125) Jaeger, Deutschland, S. 359. - In Kempten hat es unter 33 Fundmünzen des Dritten Reiches 2 Bunlmetallmünzen. in Kon- stanz unter 22 keine einzige. 126) In der deutschen Grenzstadt Konstanz kam und kommt der Schweizer Franken geläufig vor. indes nur selten im archäologischen Fundgut: Derschka. Konstanz. S. 897. - Die Pfennige des Dritten Reiches waren in Österreich länger und zu einem besseren Kurs gültig als in Deutschland, weshalb sie jahrelang aus Deutschland nach Österreich abflössen: Klüssendorf. Niklot: Zwischen Reform und Union. Das deutsche Geldwesen von 1945 bis 1990 im Spiegel der Zeitgeschichte. In: Cunz. Währungsunionen, S. 291-335; hier S.292. 1 27) Zur Gebrauchsweise von Rechenpfennigen umfassend Barnard. Francis Pierrepont: The Casting-Counter and the Counting-Board. A Chapter in the History of Numismatics and Farly Arithmetic. Oxford. 1917. Nachdr. 1981. S. 254-319. - Sehr instruktiv auch die Beispiele bei Hess. Wolfgang: Rechnung Legen mit Rechenpfennigen. In: Numismatisches Nachrichtenblatt 4/45 (April 1996). S. 11-20; hier S. 11-12. 1 28) Derschka. Konstanz. S. 901-903. 129) Vgl. Mitchiner. Jelons. S. 18. - Fkluncl. 0. P: The Counters of Nuremborg. Separatdruck aus: The Numismatist 39 (1926). Oakdalo. 197S. S. 2. - Benedikt Zäch konstatiert für das 16. und frühe 17. Jh. drei Perioden des Kloingeldmangels in der Schweiz, nämlich 1510 bis 1520, 1530 bis 1550 und 1570 bis 1590, teilweise auch etwas später noch (mündlicher Vortrag im Rahmen des Rechenpfennig- Kolloquiums der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Fund- münzen, Freiburg i. Üe., 6. März 1998). 130) Vgl. Gebert. Carl Friedrich: Die Nürnberger Rechenpfennig- schlager (Mitteilungen der Bayerischen Numismatischen Gesellschaft 35 (1917). S. 16). - Mitchiner. Jetons. S. 428-429. 131) Feuardent. Fölix-Bienaime: Jetons et Meroaux depuis Louis IX jusqu'ä la fin du Consulat de Bonaparte. Bd. 3. Paris. 1915. S. 38, Nr. 11716. ignoriert die Initialen Kilian Kochs und weist diesen Rechenpfennigtyp König Karl IX. (1560-1574) zu. 132) Fbd. S. 45, Nr. 11777 (datiert auf 1583). 133) Die Arbeitsgruppe Rechenpfennige der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Fundmünzen legte 1998 einen Bericht über sämtliche Rechcnpfenniglünde der Schweiz vor: die Publikation der Ergebnisse soll in einem der kommenden Bände der Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte erfolgen. 121
        

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