DIE FUNDMÜNZEN VOM KIRCHHÜGEL BENDERN HARALD RAINER DERSCHKA des Königreiches Württemberg als drittem nördli- chen Seeanliegerstaat vorkommen, braucht ange- sichts der überschaubaren Fundmenge noch nicht allzuviel zu besagen; es ist aber hier wie bei künfti- gen Münzfundanalysen zu berücksichtigen, dass Bayern durch seine schiere Grösse und Baden durch seine wirtschaftliche Dynamik eine bedeu- tendere Rolle im zeitgenössischen ökonomischen Geschehen gespielt haben mochten.121 Auffällig ist, dass überhaupt keine deutschen Münzen aus dem letzten Jahrhundertdrittel vorliegen, obschon das 1871 unter der Führung Bismarcks gegründete kleindeutsch-preussische Reich eine bemerkens- werte ökonomische Dynamik und Aussenwirkung entfaltete. Einen eigenen Akzent setzt der Kanton St. Gal- len als westlicher Nachbar von Bendern mit fünf Münzen aus den wenigen Jahren zwischen 1809 und 1814 (Nrn. 268-272); dabei handelte es sich um wenig beliebtes, da unterwertiges Geld.122 Die vier österreichischen Kleinmünzen des frühen 19. Jahrhunderts wurden dagegen in vier verschiede- nen Münzstätten geprägt, nämlich in Hall in Tirol (Nr. 103, 1800), Günzburg in Schwaben (Nr. 109, 1803), Wien (Nr. 197, 1816) sowie Kremnitz in Un- garn (heute Slowakei; Nr. 198, 1816). Ferner scheint der italienische Einfluss gegen- über dem 18. Jahrhundert wieder ein Stück weit gewachsen zu sein; ihn dokumentieren drei ausge- sprochene Kleinnominale, nämlich zwei Centesimi des napoleonischen Königreiches Italien (Nrn. 189, 190) und ein Centesimo des Königreiches Sardini- en (Nr. 191, 1842). Aus der zweiten Jahrhun- derthälfte ist nur mehr ein bei Krupp in Berlin ge- fertigtes 20-Centesimi-Stück des Königreiches Itali- en (Nr. 192, 1892) zu nennen. In der zweiten Jahrhunderthälfte dominieren 22 österreichische Kleinmünzen das Benderer Fund- spektrum (Nrn. 199-219, 227, 229); die meisten davon wurden in Wien geprägt, nur ausnahmswei- se sind die ungarischen Münzstätten Karlsburg (Nr. 202, 1851) und Kremnitz (Nr. 203, 1858; Nr. 211, 1869) sowie Venedig (Nrn. 205, 1860; 206, 1858) vertreten. Den Umlauf dieser österreichischen Münzen beförderte der Zollvertrag von 1852, der 
das Fürstentum Liechtenstein in wirtschaftlicher Hinsicht an die LIabsburgermonarchie anschloss.123 Zu einer Monopolstellung des österreichischen Geldes kam es gleichwohl nicht: Mit der Schaffung der einheitlichen schweizerischen Bundesmünze im Jahre 1850 etablierte sich westlich Liechten- steins ein zweiter respektabler Wirtschafts- und Währungsraum; auf dem Benderer Kirchhügel fan- den sich 17 Münzen der schweizerischen Franken- währung im Wert von einem bis zu zwanzig Rap- pen der Zeitstellung 1850 bis 1899 (Nrn. 273, 274, 291, 292, 308-314, 331, 332, 339-342) (Tabelle 4). Die Münzreihe des 20. Jahrhunderts läuft, be- dingt durch den Zeitraum der Grabungen, in den 1960er Jahren aus; sie schliesst mit einem Zehn- rappenstück von 1970 (Nr. 338). Nun halten erwar- tungsgemäss die Münzen der schweizerischen Eid- genossenschaft den stärksten Anteil, wurde Liech- tenstein doch 1924 währungstechnisch mit der Schweiz verbunden. Bemerkenswert ist, dass aus- gerechnet dieses Datum im Fundspektrum keinen Niederschlag zeitigte, ganz im Gegenteil. Liegen aus der Zeit vor 1924 deutlich mehr schweizeri- sche als österreichische Münzen vor - allerdings können diese schweizerischen Münzen genausogut nach 1924 nach Bendern gelangt sein -, so nimmt der schweizerische Anteil an den nach 1924 ge- prägten Münzen wieder ab: Mit 37 Exemplaren ist die Schweiz nur mehr gleich stark vertreten wie Österreich (8 Stück der Ersten Republik, 29 Stück der Zweiten Republik). Hinzu kommt ein auffallend starker Anteil deut- scher Münzen. Während das Kaiserreich mit ledig- lich einem einzigen Pfennig vertreten ist (Nr. 151), 121) Vgl. Boelcke, Willi A.: Die Industrialisierung - Bedingtheiten im Südwesten. In: Die Geschichte Baden-Württembergs. Hrsg. Reiner Rinker u. Wilfried Setzier. Stuttgart, 1986. S. 254-263; hier ab S.261. 122) Jacgor, Kurt; Lavanchy, Charles: Die Münzprägungen des Kantons Apponzell-Ausserrhoden und der «neuen Kantone» der Schweiz von 1803: St. Gallen. Graubünden, Aargau, Thurgau, Tessin, Vaud. Bern, 1963 (Schweizerische Münzkataloge. Bd. 3). S. 14. 123) Raton. Liechtenstein, ab S. 34. 119
        

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