VOTIVBILDER AUS LIECHTENSTEIN NORBERT W. HASLER votive gegeben haben. Prälat Engelbert Bucher, Triesenberg, schreibt an den Verfasser: «David Beck erzählte mir, dass früher auch Wachsfüsslein in der Kapelle auf Masescha gewesen seien. Seit meiner Pfarrertätigkeit, 1943 bis 1979, habe ich aber nie solche gesehen. Wann und wie sie ver- schwunden sind, weiss ich nicht».13 Aus dem spä- ten Mittelalter sind die frühesten Ex Voto-Bilder be- kannt. «Votivbilder als Massenphänomen in Klein- formaten gibt es in Italien seit dem 15./16. Jahr- hundert, in Mitteleuropa seit dem 16. und 17. Jahr- hundert».14 Diese Votivgaben im engeren Sinne sind Bitt- und Dankzeichen, aber auch ausdrucks- starke Weihegeschenke für Gott oder einen Heili- gen an einem Wallfahrtsort oder Gnadenaltar, um eine geistliche Verbindung zu dokumentieren. Sie verdeutlichen sinnfällig einen Akt der Anheimstel- lung, und sie tun zugleich erfahrene Gnadenerwei- se öffentlich kund.15 Die Bilderwelt der Votivtafeln, in der westlichen Kirche seit dem Ende des 15. Jahrhunderts be- kannt, auf Holz, Leinwand, Karton, Papier, Blech oder hinter Glas gemalt, bezweckt nicht in erster Linie, ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen, son- dern Einblick in eine besondere Form von Daseins- bewältigung zu geben. Sie gehören ursprünglich in die religiöse Rechtssphäre. «Sie sind nämlich die öffentliche Kundgabe (Promulgation) eines rechts- verbindlichen Versprechens (ex voto) zwischen den beiden Partnern Gott und Mensch. Noch besser als von Versprechen müsste man von Anverlöbnis sprechen: Ein Mensch  sich an eine Gna- denstätte beziehungsweise an den dort verehrten Heiligen, das heisst, er stellt sich ihm anheim und verspricht, bei Erhörung der Bitte den Dank öffent- lich zu bezeugen. ... Die Absicht der Votivtafel ist also, im Bild und gelegentlich auch im Wort öffent- lich einen Dank zu bezeugen, im Hinblick auf ein gnadenhaft empfundenes Geschehen in kritischer Situation. ... Das vollständige Votivbild umfasst den Bittflehenden (den Votanten oder das Votationssub- jekt), die angerufene Person (das Kultobjekt), den äusseren Anlass zum Bittruf oder zur Dankbezeu- gung (den Votationsgrund oder das Votationsmotiv) und eine Inschrift».16 
Das Votivbrauchtum ist eng mit dem Wallfahrts- wesen, insbesondere mit der Marienfrömmigkeit und Marienverehrung17 verbunden, und hat sich bis in unsere Tage erhalten. Die Wallfahrt ist eine aus religiösen Gründen vollzogene Reise an einen geheiligten Ort. «Das Kultobjekt am Wallfahrtsort (die bildliche Darstellung des dort verehrten Chri- stusgeheimnisses oder des Heiligen) geniesst eine besondere Verehrung: Es repräsentiert den un- sichtbaren Heiligen und macht ihn gegenwärtig; dadurch bringt man seine Bitten und seinen Dank vor; es prägt sich der Vorstellung ein und taucht in Augenblicken von Not und Gefahr leicht ins Be- wusstsein und löst einen Hilferuf und ein Verspre- chen, ein Anverlöbnis aus. Die Tafeln bedeckten oft ganze Wände und wurden so zu einem Bestandteil der Wallfahrtsarchitektur».18 Aus jüngster Zeit fin- den sich an Wallfahrtsstätten - so auch in der Mari- engrotte in Bendern - schlichte Holz- oder Steinta- feln meist mit dem Schriftzug «Maria hat gehol- fen», einem Datum und dem Namen des Stifters. Seit langem hat die Forschung die Votivbilder als wertvolle kulturwissenschaftliche Quelle nicht nur 9) Rene Wyss: Höhenfunde aus dem Fürstentum Liechtenstein. In: Helvetia archaeologica, 9/1978. Nr. 34/36. S. 143. 10) Rene Wyss: Fruchtbarkeits-, Bitt- und Dankopfer vom Gillen- berg. In: Helvetia archaeologica. 9/1978. Nr. 34/36. S. 157. 11) Verdankenswerter Hinweis von Frau Mag. Ulrike Mayr, Fachstel- le Archäologie in Liechtenstein. Triesen. 12) Charlotte Angeletti: Geformtes Wachs. Kerzen, Votive. Wachsfi- guren. München. 1980, S. 35-50. 13) Prälat Engelbert Bucher in einem Schreiben an den Verfasser vom 15. November 2001. 14) Wolfgang Brückner: Votive. Votivbilder. In: Lexikon der christli- chen Ikonographie. Band 4. Rom. Freiburg, Basel, Wien. 1990. Sp. 472-474. Vgl. auch Lenz Kriss-Rettenbeck: Ex Voto. Zeichen, Bild und Abbild im christlichen Votivbrauchtum. Zürich. 1974. 15) Wolfgang Brückner (wie Anmerkung 14), Sp. 472. 16) Vgl. Beitrag von Iso Baumer in: Rene Creux. Die Bilderwelt des Volkes. Brauchtum und Glaube. Frauenfeld. 1980, S. 5-7. 17) Stefan Hirschlehner: Das Marienbild im Wandel der Zeit. In: Marien-Lourdes-Grotte Bendern 1898-1998. Bendern, 1998, S. 67-75. 18) Iso Baumer (wie Anmerkung 16), S. 9-10. 297
        

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