das Söhnchen blickt zurück. Wird es ihm gelingen, Althergebrachtes, dort, wo es Sinn macht, mit Neu- em zu verbinden? Wird er ein Gleichgewicht schaf- fen können zwischen dem, was auf den davor lie- genden Seiten gezeigt wird: dem Funkensonntag und dem Weihnachtsbaum und der unglaublichen Metallpalme im Garten oder der Gartenzwerg-In- vasion? Das ist Kunst, Fragezeichen zu setzen, ohne platte, allgemeingültige Antworten zu geben. «Licht und Schatten» ist ein Buch voll herrlicher Fragezei- chen, ein Tanz der Fragezeichen. Wie sieht da wohl die Mitte aus? Ist es an den Haaren herbei gezogen, als Symbol zu sehen, dass genau dort, dass die Mit- te besetzt ist mit Fronleichnamsprozession, Aller- heiligen und Erstkommunion? Eingeleitet durch das Kehren vor der eigenen Haustüre mit dem Handbesen und - das ist grandios gemacht - zwei Bildern, die ein Parkerlaubnisschild zeigen mit dem Zusatz «Nur Friedhof. Dauerparken verboten» und dem Stoppschild vor einem Kruzifix! Doch es wäre nicht «Licht und Schatten», stünden da nicht neben der offiziellen Festlichkeit weitere Fotos: die abgelegten Musikinstrumente (schon wieder «La musica e finita?») und die Eltern, die, bewaffnet mit Fotoapparaten, das Erstkommunionsgesche- hen ablichten - darf man dieses Wort auch im übertragenen Sinn lesen? Und zwischen Anfang und Mitte, zwischen Mitte und Ende? Zur liebevollen Betrachtung, und davon ist das Buch übervoll, gehört auch Kritik, Selbstkri-tik. 
Das aber ist in Liechtenstein eher selten. «Da- bei», so schreibt Arthur Gassner, «spielt die Tatsa- che, dass der Fotograf nicht in Liechtenstein aufge- wachsen ist, sicher eine wichtige Rolle. Er sah viele Dinge, die wir Einheimischen entweder wirklich nicht mehr sehen oder nicht sehen wollen». Keines der gezeigten Fotos wurde speziell arrangiert, es wurden keine besonderen Audienzen oder Fototer- mine vereinbart. Damit zeigt Nikolaus Walter das liebevolle und widersprüchliche Liechtenstein so, wie es für jeden, der sich etwas Zeit nimmt, zu- gänglich und nachvollziehbar ist - wenn wir die Augen aufmachen. Sei es das Bild mit der fast gelangweilt ausse- henden Teilnahme der Offiziellen des Landes, in- klusive Fürstenpaar, beim Gottesdienst auf der Schlosswiese, an das sich fünf Bilder anschliessen, die zeigen, wie die Feuerschrift «Für Gott, Fürst und Vaterland» beim Staatsfeiertag ins Nichts ver- glüht; das Reinigen des Zugangsweges zum Regie- rungsgebäude mit einem Staubsauger (an Lehars «Land des Lächelns» erinnernd, wo es heisst: «Doch wies da drin aussieht, geht niemand was an»); das grosse Hinweisschild inmitten einer Bau- stelle, hinweisend auf die Ausstellung «Götter wan- delten einst» (im nach jahrzehntelangem und pein- lichem Kleinbürgergezänk endlich gebauten Kunst- museum), dem gegenübergestellt die Grenze zu Österreich, auf der die Götter von heute wandeln, mit «Hindernissen» aus Verkehrs- und Hinweis- schildern; wir sehen die Einsamkeit auf leeren 230
        

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