Längle markiert Bruchstellen in der Entwicklung eines sozialintegrativen liechtensteinischen Natio- nalbewusstseins. Bemerkenswert ist die Umkehrung der populären Identifikationsrichtung zwischen den 1840er und 1940er Jahren. Im Revolutionsjahr 1848 scheint das wachsende Selbstbewusstsein ei- ner gegen die fürstliche Obrigkeit opponierenden Bauernschaft die Losungsworte für ein «liechten- steinisches» Gemeinschaftsverständnis gegeben zu haben; hundert Jahre später wurde gerade die Identifikation mit jener Obrigkeit, dem behütenden «Landesvater» der Weltkriegsjahre, zur emotiona- len Basis eines laut Längle bis heute wirkenden «Mythos der Unverletzbarkeit» (S. 60). Zu diskutie- ren wäre diesbezüglich die These von Karin Frick, dass von aussen zugeschriebene «Eigenarten» wie etwa «Fürst» und «Bischof» vor allem vom Reiz ih- rer «Retro-Exotik» lebten und als «Quelle der kul- turellen Identität» längst «erschöpft» seien (S. 38 f.). Erschöpft für wen? Das Eigenartige an Figuren wie Bischof und Fürst scheint vielmehr, dass ihre «Re- tro-Exotik» von den betreffenden Rollen-Inhabern - trotz «Vielfalt und Flexibilität» (Frick) der Gesell- schaft - mit Nachdruck und erheblicher Besetzung der Gemüter in Liechtenstein in Anspruch genom- men wird. «ICH» UND «WIR» - IDENTITÄT IM SPRECHEN Im staatstragenden liechtensteinischen «wir» wa- ren bis 1984 Frauen nicht mitgemeint. Dieser Aus- schliessung geht Isolde Marxer in ihrem Film «Die andere Hälfte» und dem dazu im Band abgedruck- ten Interview mit der Rechtsanwältin Dr. Ursula Wächter nach. Die Ein- und Ausschlüsse eines als liechtensteinisch ausgegebenen «wir» sind für Rai- ner Nägele Grund genug, Identitätsbehauptungen, so sie auf Gemeinschaft aus sind, überhaupt kri- tisch zu distanzieren. Anlass dazu gibt dem Litera- turwissenschaftler Nägele ausgerechnet seine schriftliche Einladung zur Mitarbeit am vorliegen- den Band durch den Flerausgeber. In Handschrift hätte dieser ihn, Nägele, persönlich angeredet, um ihn dann in Druckschrift unverwandt in das «wir» 
der um die liechtensteinische Identität Besorgten einzureihen - Jansen an Nägele: «Wissen wir noch wer und was wir sind oder haben uns Wohlstand von innen und Anfeindungen von aussen in eine Identitätskrise gestürzt?» (S. 79). Die selbstver- ständliche Ersetzung eines ansprechbaren Indivi- duums durch ein unmajestätisch-kommunes «wir» oder ein Quasisubjekt «Liechtenstein» findet sich auch in den Beiträgen der Politiker-Autoren Otmar Hasler und Josef Biedermann (S. 15 f.). Wo denn sonst, wenn nicht in einem derartigen Sprachge- brauch, könnten «wir» identisch bleiben? Einem sprachkritischen Ansatz bleiben manche der hellsichtigsten und gespürigsten Beiträge des Bandes verpflichtet. In ihnen werden Identitätsfra- gen über die Reflexion von lebensgeschichtlichen Prägungen, südalemannischen Alltagsgewohnhei- ten und -sprachspielen «von unten» aufgerollt. Sie lösen eine rhetorisch aufgeblasene Identität auf und machen sie als kommunikatives Ritual oder Zuordnungswunsch der Gruppe fassbar. Diese Wahrnehmungsverschiebung ist beachtlich: wäh- rend der Regierungschef in seinem Beitrag stereo- typ wiederholt, dass der Kleinstaat seine «Stärke aus seiner Übersichtlichkeit und Erlebbarkeit» (S. 49) beziehe, weist Pio Schurti darauf hin, dass die Rede von «kurzen Amtswegen» vor allem etwas ist, dass «wir» uns gerne erzählen (S. 144), ein Landes-«Mythos» neben anderen. Die Suche nach der liechtensteinischen Identität hat sich in Schur- tis (und der des Rezensenten) Generation verkehrt in die Frage was denn noch am Eigenen «liechten- steinisch» zu nennen wäre. Die Ökonomin Karin Frick bringt es relativ unsentimental auf den Punkt, wenn sie konstatiert, dass die Bindungskraft kol- lektiver Herkunftsidentitäten eben zugunsten indi- vidueller Identifikationsangebote schwindet: «Das Besondere, das uns von anderen unterscheidet, wird wichtiger als das Gemeinsame, das uns durch die Flerkunft vereint» (S. 37). 226
        

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