REZENSIONEN / BEITRÄGE ZUR LIECHTEN- STEINISCHEN IDENTITÄT in 50 Jahren seine Selbstverständlichkeit und pa- triotische Unschuld verloren hat. Es ist allerdings erfreulich, wie grundsätzlich und kontrovers die in dieser Publikation versam- melten Autorinnen die «unbekümmerte Vorausset- zung» (Rainer Nägele, S. 79) im Buchtitel in einen veritablen Diskussionsgegenstand verwandeln. Die liechtensteinische Lebenswirklichkeit ist wohl sel- ten in derart vielseitiger, kompakter und pointierter Form, ohne akademischen Ballast, doch mit Sach- verstand und Beobachtungsgabe, auf zahlreiche identitätsneuralgische Punkte abgeklopft worden. Auffällig ist, dass nationale «Identitätsreflexe», die gewissenhafte Bestätigung oder verbissene Ableh- nung dessen, was als tradierte Gemeinschaftssym- bolik (oder -geschichte) Anerkennung fordert, bei nachdenklichen Liechtensteinerinnen nicht (mehr) abrufbar sind. Es hat sich dort herumgesprochen, dass das, was eine Generation zuvor noch als «We- sen» des Staatlichen, Wirtschaftlichen etc. voraus- setzen konnte, mittlerweile als gesellschaftliches Konstrukt, als gemeinschaftsstiftende Erzählung («Mythos») zur Disposition steht. Indem wir sie zu Teilen eines «Konstruktes» erklären, lösen sich aber weder Staatlichkeit noch Fürstentum noch Herkunftsgeschichte von selber auf: sie werden mehr denn je Gegenstand theoretischer Deutungen und praktisch-politischer Auseinandersetzungen. «Das Wissen um das eigene Herkommen», so der Flistoriker Klaus Biedermann, «verleiht Identität und Selbstvertrauen» (S. 30). Allein, welches Her- kommen wollen wir uns denn bewusst und zu ei- gen machen? Der praktische Zugewinn eines kon- struktiv-«postmetaphysischen» (Habermas) Be- wusstseins vom Nationalen sind Einsichten in die Zufälligkeit des Geburtsortes und die Verhandel- barkeit jener Beziehungen, in denen man sich als Teil eines nicht nur tradierten, sondern selbst an- geeigneten «wir» verstehen möchte. Sogar der derzeitige Regierungschef Otmar Has- ler schreibt in seinem Beitrag vom «Artifiziellen» des territorialen Nationalstaates und vom Vorgang seiner Neudefinition in einer von Globalisierung geprägten Welt (S. 42). Haslers Überlegungen ver- bleiben allerdings im Rahmen eines neoliberal auf-gepeppten, 
diplomatisch unverbindlichen Optimis- mus, für den die Frage nach einer liechtensteini- schen Identität sich ernsthaft gar nicht zu stellen braucht. Sie bleibt gewissermassen immer schon durch die Identität «Liechtensteins», eines nach wie vor garantierten Völkerrechtssubjekts, einge- klammert. Doch das, was hier der eine Beitrag aus- blendet, wird durch andere zur Diskussion gestellt. Die aussenpolitisch notwendige Repräsentations- fiktion einer funktionierenden Aktionseinheit der Liechtensteinerinnen wird bereits im politischen Innenverhältnis brüchig und vieldeutig (Stichwort «Verfassungsstreit»). Mehrere Beiträge machen die historischen und gegenwärtigen Bedingungen der Herstellung eines liechtensteinischen Gemeinwe- sens deutlich. Zur Debatte stehen dabei sowohl die Etappen eines nationalen «Landesbewusstseins» als auch Inhalte wie Infrastruktur der gesellschaft- lichen Kommunikation. «UNFÄHIGKEIT ZU JEDER SELRSTKRITIK»1 Der Journalist Joachim Batliner und der Autor Ste- fan Sprenger thematisieren explizit jene Medien und Erzählweisen, welche für die Selbstbeschrei- bung eines Kollektivs relevant wären und so erst die Voraussetzung für eine verallgemeinerbare Wahrnehmung des geteilten Lebensraums schaf- fen. Wenn es denn hier ein liechtensteinisches Cha- rakteristikum gäbe, so wäre es vor allem ein Man- gel: Die liechtensteinische Unfähigkeit zur (journa- listisch) professionellen, (demokratisch) freien und (historisch) aufarbeitungsbereiten Auseinanderset- zung mit zentralen Fragen des Zusammenlebens. Stefan Sprenger macht dies am «kollektiven Nicht- Wissen-WoIIen» (S. 156) über den Finanzplatz ex- emplarisch deutlich. Dieser wurde erst dank aus- ländischer Berichterstattung und massiven aussen- politischen Drucks unter der liechtensteinischen «Kommunikations-Glocke» diskussionsfähig. Alicia 1) Zitat aus dem Beitrag von Rainer Nägele, abgedruckt auf S. 78-88, hier S. 85. 225
        

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