REZENSIONEN / ENDE DES NATIONALSOZIALISMUS UND DEMOKRATISCHER WIEDERAUFBAU hungsweise des Reichsstatthalters und des Landra- tes von Feldkirch. Darin wurden Anweisungen ge- geben, wann und wie die Stimmungsberichte zu Händen der Behörden abzufassen sind. Es solle da- bei «aber gar nicht über die Stimmung in der Be- völkerung, sondern über deren Haltung berichtet werden» (S. 77). Daran anschliessend folgen insge- samt fünfzehn solche Berichte der einzelnen Gen- darmerieposten des Kreises Feldkirch aus den Märztagen des Jahres 1945, welche aufschlussrei- che Einblicke in die Zeit unmittelbar vor dem Zu- sammenbruch von Hitler-Deutschland gewähren. Natürlich sind diese Berichte im Sinne des Na- tionalsozialismus eingefärbt. So wird zwar die wachsende Kriegsmüdigkeit nicht mehr katego- risch geleugnet, aber es wird betont, dass die «Op- ferbereitschaft» der Bevölkerung noch «keinesfalls nachgelassen» habe (S. 82). Die Bevölkerung wür- de Abscheu und Hass «gegen die alliierten Greuel- taten» empfinden, der Glaube an den Sieg sei «den- noch ungebrochen» (S. 117). Besonders anmas- send ist ein Hinweis aus Schlins, wonach «beson- ders die politisch ungeschulten Personen ... nicht mehr an einen Sieg der deutschen Führung [glaub- ten]» (S. 125). Eine gewisse Aufrichtigkeit schim- mert hingegen in einem Bericht aus Satteins durch, in dem es heisst, die Stimmung sei «sehr gedrückt» und «das Schwinden jeder Hoffnung ... vorherr- schend» (S. 122 f.). Es finden sich in diesen Texten auch zahlreiche Flinweise auf die Knappheit an Le- bensmitteln, ebenso auf fehlende Rohstoffe und Ar- beitskräfte (vgl. beispielsweise S. 92, 102, 106 f.). Berichte aus Lustenau und aus Weiler weisen hin- gegen darauf hin, dass durch Nachbarschaftshilfe sowie durch zahlreichen Einsatz von Arbeiterinnen und Arbeitern aus Osteuropa landwirtschaftliche Tätigkeiten wie die anstehende Feldbestellung eini- germassen gewährleistet seien (vgl. S. 114 f. sowie S. 134). Dennoch belegt ein Bericht aus Hohenems, dass viele Landwirte «mit Besorgnis der Anbauzeit entgegen [sehen], da infolge der vielen Einberufun- gen und des auswärtigen Einsatzes von Arbeits- kräften grosser Mangel an landwirtschaftlichen Ar- beitern für die Feldbestellung zu befürchten ist. Diese wird durch die im Rahmen des Anbauplanes 
verfügte Ausweitung des Gemüseanbaues noch ver- stärkt» (S. 107). Trotz augenfälliger «Linientreue» dieser Berich- te werden die schlechten Lebensbedingungen der Bevölkerung keinesfalls geleugnet. Hoffnung auf ein Kriegsende kommt wiederholt zum Ausdruck. Zudem würden die «politischen Gegner» auf eine Wiedererrichtung des österreichischen Staates hof- fen (S. 126). Teil 2 der Quellenedition (S. 137-350) beinhaltet die wöchentlichen Lageberichte der Bezirkshaupt- mannschaft Feldkirch sowie der ihr unterstellten Gendarmerieposten. Diese Berichte wurden in den Monaten November und Dezember 1945 abgefasst. Der Krieg war nun zu Ende gegangen mit der Kapi- tulation von Hitler-Deutschland und des mit ihm verbündeten Kaiserreichs Japan. Der österreichi- sche Staat wurde wieder hergestellt, das Land stand aber, wie eingangs erwähnt, vorübergehend unter alliierter Besatzung. Da Vorarlberg Ende April und anfangs Mai 1945 von Einheiten der 1. Französischen Armee vom Nationalsozialismus befreit wurde, erhielt das Land eine französische Besatzungsmacht. Ingesamt rund 25 000 Soldaten aus Frankreich und der französischen Kolonie Ma- rokko waren in Österreich stationiert. Bis zum Antritt der ersten demokratisch gewähl- ten Vorarlberger Landesregierung nahm von Mai bis Dezember 1945 ein überparteilicher Landes- ausschuss die zivile Verwaltung wahr. Dieser Lan- desausschuss war allerdings der französischen Militärregierung unterstellt. Die französische Mi- litärregierung für Tirol und Vorarlberg zählte im Frühjahr 1946 insgesamt 1059 Mitarbeiter, zehn Generaldirektionen mit rund 50 Diensten und Sek- tionen. Mit dem zweiten Kontrollabkommen der Al- liierten vom 28. Juni 1946 erhielt der österreichi- sche Staat seine Souveränität weitgehend zurück. In der Folge wurde die Militärregierung auf einen Kontrollrat reduziert, der in Vorarlberg als «Kon- trollabteilung» in Bregenz residierte. Der umfangreiche zweite Teil der vorliegenden Quellenedition befasst sich mit der ebenfalls schwierigen Zeit der Normalisierung des gesell- 217
        

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