Die Notstandsarbeiten, wie Hagmann sie für das Werdenbergische nachweist, gleichen durchwegs jenen in Liechtenstein wie auch jenen in Vorarl- berg. Für Liechtenstein fällt auf, dass neben dem Grossprojekt des Binnenkanalbaus und neben vie- len Strassen, Entwässerungs- und Rüfearbeiten er- staunlich zahlreiche kirchliche und schulische Bau- ten Arbeit brachten. Hier wirkten auch spezifisch liechtensteinische Finanzierungsquellen, welche in den beiden Nachbargebieten nicht sprudelten, näm- lich Einnahmen aus Briefmarken, Gesellschaftswe- sen und Einbürgerungen. Die von Hagmann minutiös untersuchte politi- sche Landschaft im Bezirk Werdenberg unter- schied sich stark von jener in Liechtenstein und in Vorarlberg, schon wegen der Einbindung in Kanton und Eidgenossenschaft auf der einen Seite und in die Republik Österreich auf der andern Seite. Den- noch sind auch politische Zeittrends vergleichbar. Die Parteienlandschaft kam überall in Bewegung, am stärksten in Österreich. In Liechtenstein gab es keine sozialdemokratische Partei. Die zwei liech- tensteinischen Parteien - Fortschrittliche Bürger- partei und Christlich-soziale Volkspartei, ab 1936 Vaterländische Union -, beide katholisch, waren, sehr vereinfacht gesagt, den Konservativen auf der Schweizer Seite - die VU allerdings mit einem fron- tistischen Heimatdienst-Flügel - beziehungsweise den Christlichsozialen auf der Österreicher Seite zu vergleichen. Der Parteienkampf war in Vorarlberg wie in Liechtenstein ein Zwei-Lager-Kampfund viel heftiger als im Werdenberg. In Vorarlberg wurde der Lagerkampf teils auch gewalttätig ausgetragen, erst zwischen Christlichsozialen und Sozialisten, dann zwischen Christlichsozialen und den illegalen Nationalsozialisten. Neue Parteien waren hier wie dort entstanden. Der kurzlebige Versuch, in Liech- tenstein die Freiwirtschaft einzuführen - mittels Professor Ude -, hing direkt mit gleichen Bestre- bungen in Gams und Haag zusammen. Faschismus und Nationalsozialismus wiederum wirkten, wenn auch unterschiedlich, auf die Schweizer Fronten, auf den Liechtensteiner Heimatdienst, auf die Österreicher Christlichsozialen, dann integral auf die bis 1938 illegale NSDAP in Österreich und auf 
die 1938 entstehende «Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein». In Vorarlberg beziehungsweise Ös- terreich kam rasch, schon 1934, der ständische, «austrofaschistische» Einparteistaat. In Liechten- stein hielt die 1938 entstehende Regierungskoaliti- on die Nationalsozialisten von der Macht fern. Im Werdenbergischen taten gleiches die traditionellen Parteien, die pluralistische Demokratie bewah- rend. Der österreichische Anschluss 1938 und dann der Kriegsausbruch 1939 rissen alles Vergleichba- re von Vorarlberg weg. Vorarlberg einerseits sowie Liechtenstein und Werdenberg andererseits erleb- ten nun die Jahre bis 1945 - und lange darüber hinaus - ganz verschieden. Liechtenstein überdau- erte die Kriegszeit an der Seite der Schweiz, in de- ren Versorgung vielfältig eingebunden, wenn auch mit weniger Pflichten, da ohne Militärdienst. Die Verhältnisse, wie sie jeden einzelnen Men- schen in der Dreiländernachbarschaft während der Krisen- und Kriegszeit betrafen, sind der Vorstel- lung unmittelbar zugänglich: Lebte eine Person - Kind, Frau oder Mann - zum Beispiel in Sennwald, eine andere in Schellenberg, eine dritte in Nofels, so lagen ihre Lebensorte so nahe beisammen. Und doch mochten ihre Lebenswege so unterschiedlich verlaufen, als hätten sie nichts Gemeinsames, als lägen sie weltweit auseinander. Hagmanns Werk, wissenschaftlich sorgfältig, sys- tematisch, dicht und zugleich sehr lesbar, ist als Band 1 der Begleitpublikationen des Werdenberger Jahrbuches bei BuchsDruck sowie Chronos, Zü- rich, erschienen. Eine weitere Lücke der Zeitge- schichte schliessend, ist es wertvoll nicht allein für die wirtschaftliche, soziale und politische Geschich- te des Bezirks, der Gemeinden wie auch des Kan- tons St. Gallen und der Schweiz, sondern zugleich eine Fundgrube für die grenzübergreifende Regio- nalgeschichte. Es erlaubt den detaillierten Ver- gleich mit den angrenzenden Gebieten und Län- dern. Gerade durch Kenntnis des Nahen und An- dern tritt das Eigene schärfer ins Licht. 214
        

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