NATIONALSOZIALISMUS: DER FALL PFARRER WIRTH Hagmanns Buch enthält nicht viel Episodisches und Personenbezogenes. Eine bedeutende Ausnah- me bildet der Fall Wirth, der im Kapitel über den Frontismus eine rund 20 Seiten umfassende, de- taillierte und spannende Fallstudie darstellt. Von 1932 bis zur Suspendierung 1940 wirkte Werner Wirth als reformierter Pfarrer in Azmoos, zugleich war er Nationalsozialist. Sein Fall erregte Aufsehen weit über den Bezirk hinaus. Wirth war ein uner- müdlicher, ehrgeiziger Aktivist. Er kam vom an- dern Ende des politischen Spektrums. Ende des Er- sten Weltkrieges war er als junger Pfarrer im Aar- gau als sozialdemokratischer Agitator hervorgetre- ten, danach Armeninspektor in Zürich geworden. Dort wurde er als SP-Vertreter in den Gemeinde- und Kantonsrat gewählt. Er wechselte zu den Kom- munisten und war in Zürich eine Zeitlang deren Wortführer, zusammen mit Fritz Platten, dem Le- nin-Freund. Wirth vertrat 1921 die Kommunisti- sche Partei der Schweiz an Kongressen in Moskau, er weilte einige Monate in der Sowjetunion. Die dortigen Erfahrungen bewogen ihn zur Abkehr. Für einige Jahre wandte er sich evangelischer Pu- blizistik zu. Wohl davon beeindruckt, wählte ihn 1932 die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Azmoos zum Pfarrer. Zu diesem Zeitpunkt war Werner Wirth, reformier- ter Pfarrer von Azmoos, 1936 
Wirth bereits Frontist mit Beziehungen zur Neuen Front und zur Nationalen Front, er bewunderte schon den deutschen Nationalsozialismus vorbe- haltlos und sprach sich in Zeitschriftenbeiträgen für eine faschistische «Erneuerung» der Schweiz und Europas aus. In der Gemeinde hielt sich Pfar- rer Wirth politisch zurück. Informierte erkannten gleichwohl in seinen Predigten und 1. August-Re- den Anleihen aus dem Reichs-Wortschatz. Ab dem Kriegsausbruch trat die Pro-Hitler-Hal- tung Wirths und seiner Frau deutlicher zutage. Das Pfarrerehepaar spaltete die Bevölkerung der Ge- meinde. 1940 trat der Trübbacher Landjäger Rodu- ner protestierend aus der Kirchgemeinde aus, und ein Azmooser verweigerte die Kirchensteuer, so- lange Wirth Pfarrer sei. Wirths häufige Reisen nach Feldkirch und Liechtenstein fielen nun auf. In Va- duz unterrichtete er wöchentlich die evangelischen Kinder. Dort traf er sich aber auch mit Peter Rhein- berger, Mitglied der einheimischen «Volksdeut- schen Bewegung». Die St. Galler Kantonspolizei und die Armee verdächtigten Pfarrer Wirth und seine Frau der Spionage. Das Pfarrerehepaar wurde im Sommer 1940 un- ter polizeiliche Aufsicht gestellt, die Pässe wurden eingezogen. Im Dezember 1940 und im Januar 1941 förderten Hausdurchsuchungen bei Pfarrer Wirth in Azmoos aber keine direkten Beweise für Spionage zutage, wenn auch der Verdacht blieb, zumal ein chiffrierter Zettel gefunden wurde. Dafür kamen klare Belege für die nationalsozialistische Gesinnung zum Vorschein, in von Wirth verfassten Manuskripten. Er wollte die Schweiz «als altes deutsches Reichsgebiet ... wieder dem Grossdeut- schen Reich eingegliedert» sehen, aufgelöst werden sollten in der Schweiz nicht nur alle Parteien, son- dern auch die kantonalen Parlamente und Regie- rungen, «Juden und Ausländer» wären aus allen öffentlichen Stellen auszuscheiden, Pressefreiheit wäre aufzuheben. Der Führer Deutschlands sei von Gott gesandt, vollbringe Gottes Werk, kämpfe und siege gegen die «grosse rote Flut». Aus etlichen In- dizien schliesst Hagmann, dass Wirth wohl auch ei- nen Umsturzplan für die Schweiz mit einschlägigen Gesprächspartnern besprach. 212
        

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