REZENSIONEN HANDBUCH DER BÜNDNER GESCHICHTE piert: Landschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Poli- tik. Die zeitgeschichtliche Arbeit von Bruno Fritz- sche und Sandra Romer (Graubünden seit 1945) deckt alle vier Bereiche ab. Das Kapitel zur Landschaft von Urs Frey und Jürg Simonett enthält neben der Beschreibung des Natur- und Kulturlandschaftwandels auch einen in- teressanten Abschnitt zur Entwicklung verschiede- ner Wahrnehmungsweisen von «Landschaft»: Die Autoren diagnostizieren, dass die seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch alpenbegeisterte Alpinisten und die Tourismusindustrie fremdgesteuerte Wahr- nehmung der Bündner Landschaft als poetisch-ro- mantische «heile» Welt und Freizeitspielplatz der Städter allmählich auch von den Einheimischen übernommen worden sei. Diese fremdenverkehrs- gerechte Umdeutung des Lebens- und Arbeits- raums Graubünden zum «Heimatmuseum» mit Bergbauern als «Landschaftsgärtnern» habe - so ergänzen Fritzsche/Romer - einen Identitätsverlust der Bevölkerung bewirkt. Entsprechend wird in den wirtschaftsgeschicht- lichen Beiträgen von Urs Frey (Landwirtschaft), Jürg Simonett (Verkehr, Gewerbe und Industrie) so- wie Daniel Kessler (Tourismus) die Verschiebung der wirtschaftlichen Ausrichtung von Landwirt- schaft und Transportgewerbe zum Fremdenver- kehr und die sich daraus ergebende Abhängigkeit der Bündner Wirtschaft überdeutlich. Zu den Ver- lierern dieser Entwicklung gehörten vor allem die peripheren, kaum am Tourismus partizipierenden Gebiete, in denen zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein «Entvölkerungsprozess» einsetzte, der sich im 20. Jahrhundert noch beschleunigte (Peter Bollier: Bevölkerungswandel). Eine «Entvölkerung» mussten vor allem nach 1950 im Zuge eines allgemeinen Säkularisierungs- prozesses auch die Kirchen hinnehmen. Zwar sind auch in der evangelischen Kirche fundamentalisti- sche Strömungen vorhanden, in der katholischen Kirche aber konnte sich der traditionalistische Flü- gel mit der Wahl von Wolfgang Haas zum Churer Bischof 1990 durchsetzen. Dessen restaurativer Kirchenführungsstil belastete die in Graubünden nach vier Jahrhunderten endlich angebahnte «kon-fessionelle 
Öffnung und wachsende gegenseitige Toleranz» zwischen Protestanten und Katholiken,10 rief aber nicht eine protestantische, sondern vor al- lem eine innerkatholische Opposition auf den Plan. Die Krise fand mit der nach sieben Jahren vom Papst diktierten Schaffung eines Erzbistums Vaduz unter Erzbischof Haas eine «Lösung» (so Albert Gasser in seinem Beitrag zu Kirchen, Staat und Ge- sellschaft), die mit dem «stillschweigenden Einver- ständnis des Landesfürsten Hans-Adam II.» erfolgt sei, die aber «die nicht informierte Regierung, das Parlament und de[n] Grossteil des Volkes sowie ein[en] erhebliche[n] Teil des Klerus» in Liechten- stein verletzt habe.11 Hervorzuheben ist die Studie von Ursula Bru- nold-Bigler zur Überlieferung von Sagen. Die hier gebotene mentalitätsgeschichtliche Interpretations- anleitung gibt interessante Anregungen zu einer erneuten Lektüre auch der liechtensteinischen Sa- gen. Sagen dienten nicht nur der «historische[n] und gesellschaftliche[n] Verarbeitung und Bewälti- gung von Wirklichkeit»,12 sondern wurden auch zur Vermittlung kirchlicher Moralvorstellungen und zur Ausgrenzung von Randgruppen wie Alten oder sogenannten «Zigeunern» instrumentalisiert. Da- mit sind sie gute Indikatoren von Mentalitäten und Diskriminierungen. Weitere Beiträge zur Gesellschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts befassen sich mit Sprach- 4) Jon Mathieu, Band 2, S. 51. 5) Silvio Färber, Band 2, S. 116. 6) Vgl. Peter Liver: Vom Feudalismus zur Demokratie in den graubündnerischen Hinterrheintälern. In: Jahrbuch der Historisch (-antiquarisch)en Gesellschaft von Graubünden 59 (1929), S. 1-138. 7) Vgl. Hoger Sablonier. Band 1. S. 287-290. 8) Vgl. Beter Blickle: Der Kommunalismus als Gestaltungsprinzip zwischen Mittelalter und Moderne. In: Gesellschaft und Gesellschaf- ten. Festschrift Ulrich im Hof, hrsg. von N. Bernard und Q. Reichen. Bern. 1982, S. 95-113. 9) Randolph C. Head, Band 2. S. 92. 10) Bruno Fritzsche/Sandra Römer, Band 3. S. 365. 11) Alfred Gasser. Band 3, S. 245 f. 12) Ursula Brunold-Bigler, Band 3, S. 149. 193
        

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