DIE LIECHTENSTEINISCHE MIGRATIONSPOLITIK CLAUDIA HEEB-FLECK / VERONIKA MARXER-GSELL Die Verschärfung der Zulassungs- bestimmungen und die Aufhebung der Freizügigkeit mit der Schweiz 1980/81 Trotz der systematischen Begrenzung der Zuwan- derung und der Rückwanderung von mehreren Hundert ausländischen Arbeitskräften während der Rezession (1974-1976) lag der Ausländeranteil mit Ausnahme des Jahres 1976 konstant über dem vorgegebenen Drittel. 1980 erreichte er knapp 37 Prozent. Den grössten Zuwachs hatte dabei die schweizerische Bevölkerung erfahren, die sich von 1970 bis 1980 fast verdoppelte. In Liechtenstein waren 1980 annähernd die Hälfte der Ausländerin- nen schweizerischer Nationalität. Auch die Auslän- derbeschäftigung war, besonders im letzten Drittel der 1970er Jahre, stark angestiegen. 1980 wurden 55 Prozent der Arbeitsplätze von Ausländerinnen eingenommen. Die massive Überschreitung der «Drittelsgren- ze» sowie die verschärfte Konkurrenzierung durch ausländische Arbeitskräfte stiessen bei der organi- sierten Arbeitnehmerschaft auf steigenden Unmut. Dieser gipfelte schiesslich in einem Antrag an die Regierung, in welchem eine restriktivere Handha- bung der Zulassung und eine Reduktion des Aus- länderbestandes gefordert wurde. Der Antrag, der im März 1978 von der Delegiertenversammlung des Arbeitnehmerverbands einstimmig verabschie- det worden war, drohte darüberhinaus mit der Lancierung einer Volksinitiative, sollte im Gespräch mit der Regierung kein Erfolg erzielt werden. Das provozierende Auftreten der organisierten Arbeitnehmerschaft hatte seine Ursache in der seit der Rezession veränderten Arbeitssituation. Ob- wohl der Beschäftigungsrückgang in den Rezessi- onsjahren grösstenteils auf Kosten ausländischer Arbeitskräfte ging, waren auch Einheimische da- von betroffen. Zu Unmutsbezeugungen kam es in der liechtensteinischen Arbeitnehmerschaft beson- ders dann, wenn einheimische Arbeitskräfte ent- lassen wurden, während man ausländische weiter- beschäftigte oder gar neu einstellte. Die Rezession hatte zum Verlust des bis anhin gesicherten Privi- legs eines garantierten Arbeitsplatzes geführt. Und der 1977 einsetzende Wiederaufschwung, der mit einem starken Zuwachs der Ausländerbeschäfti- gung einherging, verschärfte die Konkurrenz um die Arbeitsplätze zusätzlich. Ein Teil der einheimi-schen 
Arbeitnehmerschaft fühlte sich zunehmend in die Ecke getrieben und abgedrängt. Die Regierung beantwortete die ultimativen For- derungen von sehen der Arbeitnehmerschaft mit einer Verschärfung der Zulassungsbestimmungen und der Aufhebung der Freizügigkeit mit der Schweiz. DIE UNTERMINIERUNG DER RECHTS- STELLUNG DER DRITTAUSLÄNDER/INNEN 1980 wurde das Begrenzungssystem mit «besonde- ren Massnahmen» ausgestattet, die es der Regie- rung erlaubten, bei Überschreiten der «Drittels- grenze» das kodifizierte Recht in wesentlichen Punkten ausser Kraft zu setzen. Überstieg der Aus- länderanteil 33 Prozent, konnte die Frist für den Familiennachzug, die gemäss Gesetz fünf Jahre be- trug, auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Eine weitere Massnahme war die Erhöhung der Frist für den Berufsbranchenwechsel von drei auf fünf Jah- re. Sie zielte darauf ab, die Abwanderung ausländi- scher Arbeitskräfte aus strukturschwachen Bran- chen wie zum Beispiel der Landwirtschaft oder dem Gastgewerbe einzuschränken und dadurch Neuzulassungen vorzubeugen. Eine weitere Mass- nahme war die Verlängerung der Frist für die Um- wandlung von Saisonbewilligungen in Aufenthalts- bewilligungen. Mit der vorgesehenen Fristerstre- ckung von den gesetzlich festgelegten 45 Monaten innert fünf Jahren auf mindestens 90 Monate in- nert zehn Jahren wurde letztlich jedoch nur die seit 1971 übliche fremdenpolizeiliche Praxis bestätigt. Auch die Ausdehnung der Frist für den Familien- 10) Im gleichen Jahr, in dem die Begrenzungsverordnung in Kraft trat, reichte der Landtagsabgeordnete und Sekretär der Industrie- kammer, Herbert Kindle, ein Postulat zur Erleichterung der Einbür- gerung der «alteingesessenen Ausländerinnen» ein. Erstes und ein- ziges Resultat der anfangs der 1970er Jahre intensiv geführten Dis- kussion war die Erleichterung der Rückbürgerung von ehemaligen Liechtensteinerinnen, die mit einem Ausländer verheiratet waren, sowie die Möglichkeit, bei Heirat mit einem Ausländer die liechten- steinische Staatsbürgerschaft beizubehalten. Beide Massnahmen wirkten sich auf den Ausländeranteil senkend aus. 179
        

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