Erscheint Dienstag, Plädoyer für einen eigen- ständigen Weg in der Aus- länderinnen-Frage. Liech- tensteiner Vaterland, Mai 1970 
Liechtenstein und die Schwarzenbach-Initiative von Berthold Konrad, Vaduz Am 
6.11. Juni werden die Stimmbürger der Schweiz entscheiden, ob die so sehr diskutierte Schwarzenbach-Initiative, die einen massiven Abbau des Ausländer-Kontingents in unserem Nachbarland vorsieht, angenommen wird oder nicht. Ist eine Annahme der Initiative möglich? Welche Auswirkungen hätte die Annahme der Schwarzenbach-Initiative für unser Land? — Diese und weitere Fragen beschäftigen auch unsere Bevölkerung, was sehr zu begrüssen ist, denn auch wir müssen uns in Liechtenstein in naher Zukunft für eine neue Fremdarbeiter- Hegel ung entscheiden. Darauf werden wir jedoch in einem separaten Aufsatz eingehen. Heute soll ,nur kurz auf einige Probleme eingegangen werden, die uns mit oder ohne Schwar- lenbach-Initiative beschäftigen müssen. Was will die Initiative? In einem Vortrag hat Hr. Schwarzenbach kürz- lich gesagt: «Auch wenn unsere Initiative vom Schweizervolk nicht angenommen wird, so ha- ben wir wenigstens erreicht, dass sich der Bun- desrat ernstlich mit dem Problemkreis der Ueberfremdung befasst.» In der Tat kann man heute feststellen, dass die Schweiz gewisser- massen von der Problem-Lawine überfahren worden ist. «Unter dem Druck des zweiten Volksbegeh- rens gegen die Ueberfremdung schlägt heute der Bundesrat eine Stabilisierung der ausländi- schen Erwerbstätigen vor und drängt im übri- gen auf vermehrte Anstrengungen zur Assimi- lation und zur erleichterten Einbürgerung», meint Herr Schwarzenbach. Und weiters: «Es steht ausserhalb jeder Diskussion, dass die Ini- tianten nicht nur im Rahmen der ihnen durch die Bundesverfassung gewährleisteten Rechte handeln, sondern dass sie sich zum Ziel gesetzt haben, das «Besondere» des Schweizertums zu pflegen, nämlich nach alt schweizerischer Tra- dition und überdies bundesrätlicher Instruktion «unser Leben, unser Zusammenleben auf unse- rem Raum so einzurichten, wie es uns passt, in einem Land, das auch unsern Kindern Heimat sein wird». Ganz so unrecht hat Schwarzenbach in der Annahme ja auch nicht, «dass die Tau- sende von Südländern nicht aus Liebe zur Freiheit und Demokratie und den gesellschaft- lichen Institutionen in die Schweiz eingereist sind, sondern um des Verdienstes willen; dass die Arbeitgeber die südländischen Arbeitskräf- te weder ausgründen der Humanität, noch der christlichen Nächstenliebe, sondern zur Steige-rung 
ihrer Produktion in die Betriebe gerufen haben. Menschenfreundlich wäre es gewesen, die Maschinen zu den Menschen zu bringen und nicht die Menschen zu den Maschinen zu ver- frachten». Kein Schwarzenbach bei uns, aber dennoch... Auch wenn wir Liechtensteiner mit der Schwarzenbach-Initiative nicht einiggehen, so müssen wir uns doch Gedanken darüber ma- chen, wie wir in Zukunft das Problem der Ueberfremdung an die Hand nehmen. Die An- nahme der Schwarzenbach-Initiative in der Schweiz dürfte uns auf keinen Fall veranlassen, die Ventile zu öffnen. Auf der anderen Seite können wir es uns auch nicht leisten, eine Re- striktion der Fremdarbeiter hinzunehmen. Was wir jedoch unbedingt müssen ist: die Anzahl der ausländischen Erwerbstätigen auf dem heu- tigen Stand zu halten, und nur evtl. parallel zur Bevölkerungszunahme eine Erhöhung dul- den. Auch hier drängt sich auf, dem Saisonar- beiter und dem Grenzgänger mehr Beachtung zu schenken. Eine Lockerung bei der Zulassung von Grenzgängern wird unumgänglich sein. Im Interesse einer annehmbaren Fremdarbeiterpo- litik wird es jedoch künftighin unerlässlich sein, den Familienzuzug' bei Saisonarbeitern zu stoppen, hingegen die vermehrte Zulassung von Saisonarbeitern zu befürworten, da ja dadurch keine grössere Ueberfremdung entstehen kann. Einem Saisonnier ist doch zuzumuten, sich oh- ne Familie hier aufzuhalten. Unseren Vätern ist es früher auch zugemutet worden! Der kleine Mann und die Initiative Müsste der Liechtensteiner nächste Woche über eine Schwarzenbach-Initiative abstimmen, so wäre es sicher genauso fraglich, ob sie ange- nommen würde oder nicht. Gerade in letzter- Zeit machen sich immer mehr Stimmen be- merkbar, die für einen Stop von Zulassungen sind. Einmal wird besonders die Knappheit an erschwinglichen Wohnungen ins Feld geführt. Tatsächlich werden heute Wohnungen gebaut, deren Miete für einen durchschnittlichen Ar- beiter unerschwinglich sind. Sfr. 400.— bis sfr. 600.— für eine grössere Wohnung ist heute an der Tagesordnung. Die teuren Wohnungen werden von «besseren», d. h. finanziell höher 
gestellten Ausländern gemietet und die billi- gen Wohnungen von bewilligten ausländischen Arbeiterfamilien «gestürmt». Wo bleiben also die erschwinglichen Wohnungen? — Im weite- ren dürfen die Auswirkungen des Streiks in Genf und der Kundgebungen in Zürich nicht unterschätzt werden. In einem Land, wo Streiks ja praktisch verboten sind, zeugt das «auf-die-Strasse-gehen» der Ausländer nicht unbedingt von grossem Assimilationswillen. Ueberdies wären Schweizer wahrscheinlich ein- gesperrt worden, wenn sie das gleiche getan hätten. Diese Vorkommnisse und das gewisse «Du-musst-ja-stimmen» von oben wirkt sich bestimmt nicht sehr positiv auf die kommende Abstimmung in der Schweiz aus. Auch das müssen wir in Betracht ziehen und die genann- ten Situationen bei uns vorstellen. Wie würde der Liechtensteiner reagieren? Nicht derjenige, der uns ohnehin verkaufen würde (so etwas soll es auch geben), sondern der echte, konser- vative Liechtensteiner! Schon Prof. Karl Hilty hat 1892 geschrieben: «Es steht ein starker und tapferer Kern von Menschen dazwischen .. . —- Und endlich wird man nie in grossen Ueber-gangszeiten, 
wie die unsrige, den Menschen mit Materialismus über alle Schwierigkeiten hin- weg täuschen können.» Eine Ueberlegung wert... Solange wir unsere Eigenstaatlichkeit noch be- haupten wollen (und können), müssen wir un- sere eigenen Lösungen für uns gestellte Proble- me suchen. Wenn wir uns nur ein bisschen Mü- he geben, vom Egoismus einen Teil abzustos- sen, dann sind wir fähig, für unser Land eine Lösung zu finden, die auch von den Schweizern respektiert wird. 174
        

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