DIE LIECHTENSTEINISCHE MIGRATIONSPOLITIK CLAUDIA HEEB-FLECK / VERONIKA MARXER-GSELL gründung das natürliche Wachstum der ausländi- schen Wohnbevölkerung so gering als möglich zu halten. In diesem Zusammenhang stand auch das grundsätzliche Verbot des Familiennachzugs. Neben diesen ausländerpolitischen Zielsetzun- gen diente die Verordnung jedoch auch dazu, Strukturpolitik zu betreiben. Ziel war die Eindäm- mung der industriellen Expansion, das Mittel eine Verschärfung der Bewilligungspraxis gegenüber der Industrie. Den Industriebetrieben wurden nicht nur die benötigten Aufenthalterinnen verweigert. Mit der Plafonierung des Grenzgängerbestandes wurde auch die Expansion über das Grenzgänger- wesen unterbunden. Die Folge dieser behördlichen Massnahmen war ein arbeitsmarktlicher Notstand, der die Industrie letztlich zur Verlagerung von Be- triebsteilen ins Ausland zwang. Zwischen 1963 und 1968 wurden von liechtensteinischen Unter- nehmen im Ausland 17 Zweigniederlassungen ge- gründet, die zirka 1600 Arbeitskräfte beschäftig- ten. Liechtenstein und die Schweiz waren in den 1960er Jahren die einzigen europäischen Länder, die trotz einer starken Nachfrage nach Einwande- rung diese zu begrenzen suchten. Die Entstehungs-bedingungen 
für die ersten Beschränkungsmass- nahmen waren in beiden Ländern ähnlich und doch verschieden. In Liechtenstein war das Haupt- motiv die Angst vor einem unkontrollierten Wachs- tum der Industrie und der damit einhergehenden «Überfremdung». Die schweizerischen Beschrän- kungsmassnahmen standen hauptsächlich im In- teresse der Konjunkturdämpfung. Sie waren ein Versuch, mittels der Beschränkung der bis dahin li- beralen Zulassung von ausländischen Arbeitskräf- ten der Konjunkturüberhitzung und der damit ein- hergehenden Begleiterscheinungen wie Inflation und Kostensteigerung entgegenzuwirken. Neben der wirtschaftlichen Situation spielten je- doch auch noch andere Faktoren eine Rolle. Innen- wie aussenpolitisch nahm die Kritik an der bundes- rätlichen Zulassungspolitik anfangs der 1960er Jah- re stark zu. Der äussere Druck kam von Seiten Itali- ens, das, die zunehmenden Rekrutierungsschwie- rigkeiten der Schweiz ausnutzend, eine rechtliche Besserstellung seiner in die Schweiz ausgewander- ten Bürgerinnen forderte. Im Innern machte die or- ganisierte Überfremdungsbewegung, die 1961 mit der Gründung der Nationalen Aktion auf den Plan trat, Druck. 167
        

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