DIE VADUZER HEXENPROZESSE AM ENDE DES 16. JAHRHUNDERTS / MANFRED TSCHAIKNER Von den Hexenprozessen auf dem Gebiet des heuti- gen Fürstentums Liechtenstein im ausgehenden 16. Jahrhundert scheinen keine schriftlichen Un- terlagen mehr erhalten zu sein. Über die damaligen Vorgänge waren wir bislang allein durch die aus- führliche Wiedergabe einer wichtigen Quelle in der «Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein» von Peter Kaiser (1793-1864) informiert.1 Noch auf- schlussreichere Angaben finden sich allerdings in der «Chronik der Stadt Maienfeld», die vom refor- mierten Pfarrer Bartholomäus Anhorn dem Älteren (1566-1640) verfasst wurde.2 Beide Überlieferun- gen zusammen ergeben nachfolgendes Bild von den Ereignissen am Ausgang des 16. Jahrhunderts. Aus Anhorns Chronik erfahren wir, dass in Vaduz nicht erst 1598, sondern bereits im Jahr davor He- xenprozesse geführt wurden. Die entsprechenden Ausführungen lauten: Den 11. tag Aprell hat man zu Vadutz 4 unhol- den mitt dem schwärt gericht und darnach ver- brent. Weliches bißhar nitt breüchig gewäsen, dan man hatt sy zu vor läbendig in das feür geworffen. So habend all bekent, das der teüffel in eines schönen, jungen gsellen gstalt sye zu inen komen, ime selbs einen nammen gäben und um sy gebulet, ouch inen gältz gnug versprochen zu gäben, wen sy im zu willen werdind. Müssend aber zu vor gott ab- sagen, iren touff widersprächen und ime in künfti- gem, anhangen. Und als sy den willen darin gäben, habend sy einen Unwillen gegen gott und dem men- schen überkommen und vil leüt und vich verderbt, weliche sy zu vor in ires bulen nammen angerürt und angeblasen. Wen sy gält von im begärt, hatt er inen weiswas gäben, welches geschinen wie rächt gält. Wen sy es usgäben wellen, ist es loub gsin. Ein schön, jung wyb under disen, als sy ge- sächen, das sy vom bösen sye betrogen worden, hatt sy ires versprächens gegen ime wellen abston und sich widerum zu gott bekeren. Deren hatt der Satan kein ruw gelassen und ihren uff ein zytt ein schwären streich zwüschend die schulteren gäben, das sy hernach kein gsunde stund mehr gehebt, und usforcht denocht nitt hatt dörffen abston? 
Anhorn überliefert uns also zunächst die Hinrich- tung von vier «Unholden» am 11. April 1597. Nach dem in Vaduz gültigen Gregorianischen Kalender fand sie am 21. April statt. Wie aus dem dritten Ab- schnitt des Textes hervorgeht, waren sämtliche Op- fer weiblichen Geschlechts. Der Chronist betont die ungewöhnliche Art ihrer Tötung, denn anders als bei früheren Hexenprozessen waren die Verurteil- ten nicht mehr lebendig ins Feuer geworfen, son- dern vor der anschliessenden Verbrennung mit dem Schwert enthauptet worden. Im Text bleibt da- bei unklar, wann und wo man die «Unholde» früher lebendig verbrannt hatte. Waren in Vaduz vor 1597 schon Hexenprozesse geführt worden, die mit Hinrichtungen dieser Art geendet hatten? Oder meinte Anhorn, dass Hexen früher andernorts stets lebendig verbrannt worden waren? Die Genauigkeit der chronikalischen Ausführun- gen - auch was vorgefallene Kriminalfäile betrifft - spricht eigentlich dafür, dass eventuelle Hinrich- tungen von Hexen in Vaduz in den Jahren vor 1597 vermerkt worden wären. Aber wir kennen An- horns Kriterien für die Auswahl der Informationen zu wenig. Galten für ihn die gegen Ende des 16. Jahrhunderts vielerorts und häufig geführten He- xenprozesse, wenn sie in Nachbarterritorien statt- fanden, als nicht aufzeichnenswert? Darauf könnte hindeuten, dass Anhorn eben bei der Erwähnung der Vaduzer Ereignisse vom April 1597 gleich ein- leitend schon die ungewohnte Hinrichtungsweise hervorhebt. Bildete diese den Grund dafür, dass die Hexenprozesse in die Chronik der Stadt Maienfeld aufgenommen wurden? 1) Tschaikner. Manfred: «Der Teufel und die Hexen müssen aus dem Land ...». Frühneuzeitliche Hexenverfolgungen in Liechtenstein. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechten- stein. Band 96 (1998). S. 1-197. hier S. 12-14. 2) Zu seiner Biographie vgl. Stückelberger, Hans Martin: Kirchen- und Schulgeschichte St. Gallens. Band 2: 1630-1750. St. Gallen. 1962, S. 55-57. 3) Aus Bartholomäus Anhorns Chronik der Stadt Maienfeld. Bearb. v. Anton von Sprecher. Masch. Man., o.O.. 1992, S. 273. Im Folgen- den zitiert als: Anhorns Chronik. 149
        

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