dung an sie. Bei Jugendlichen ist dies ganz deut- lich; sie orientieren sich vor allem an 
ihren peer groups, an ihren Cliquen. Aber es gilt auch für Er- wachsene, die oft einen Verein, einen Freundes- kreis oder ähnliches als eine Art Heimat betrach- ten. Solche Bindungen sind oft nicht auf Dauer ge- stellt - man könnte von einer Ad-hoc-Gesellschaft reden, die natürlich schwerer zu fassen und zu ver- stehen ist als eine in sich ausgeglichene und konti- nuierliche Gesellschaftsstruktur. 3. Das Stichwort Ad-hoc-Gesellschaft reiht sich den anderen Schlagwortbegriffen an, mit denen die heutige Gesellschaft etikettiert wird: Risikogesell- schaft, Freizeitgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, In- szenierungsgesellschaft. Der Begriff Risikogesell- schaft30 verweist auf jene Verunsicherung im Nor- mengefüge und in der Lebensplanung, die sich vor allen Dingen auch in beruflichen Unsicherheiten ausdrückt. Die anderen Begriffe zeigen, dass jen- seits der Arbeit eine hektische Jagd nach positiven Erfahrungen eingesetzt hat. 4. Diese Jagd wird angefeuert, die Erlebnissucht wird angeheizt durch die Medien. Ich kann das hier nicht im einzelnen verfolgen, ich möchte aber doch festhalten, dass bestimmte Mentalitätsverän- derungen direkt oder indirekt beeinllusst sind von den äusseren Formen verstärkter Modernisierung: die Medien werden ja nicht nur zum Zeitvertreib verwendet, sondern sie setzen auch Massstäbe. An einem Beispiel aus der traditionellen Volkskunde verdeutlicht: die oft ziemlich öden Narrentreffen wären vermutlich nicht so beliebt, wenn sie nicht durch das Fernsehen in oft monotoner Weise popu- larisiert würden. Natürlich hat die erhöhte Mobi- lität auch mit der technischen Entwicklung zu tun, und auch das Schlagwort der Globalisierung ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Einerseits geht es um die Übernahme vieler Momente aus fremden Kulturen, andererseits muss man festhal- ten, dass die Wirkungen der Globalisierung und der Mobilisierung nicht nur in eine Richtung gehen, denn der weltweite Horizont provoziert auch ein verstärktes Bedürfnis nach Eingrenzung. Ein schwedischer Volkskundler hat das in einer schlag- wortartigen Feststellung zusammengefasst: «More 
global, more regional, more local».31 Die Vermeh- rung globaler Tendenzen verstärkt auch die Ten- denz zur regionalen oder lokalen Identität. Dies ist eine knappe Gegenwartscharakteristik, ein Blick auf die jüngste Entwicklung, auf das Ergebnis der neuesten Geschichte. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass solche neuen Dimensionen und Akzente immer auch Aspekte der älteren kulturel- len Entwicklung beleuchten, die vorher eher im Dunkeln lagen. Die soziale Ausdifferenzierung von heute legt beispielsweise die Frage nahe, ob die Homogenität früherer Gemeinwesen nicht über- schätzt wurde. Sie lenkt den Blick auch bei histori- schen Untersuchungen auf die Abweichungen, auf die Ränder. Die moderne Verunsicherung, die mit den Problemen beruflicher Karrieren zusammen- hängt, lässt uns erkennen, dass wir es früher erst recht mit einer «Risikogesellschaft» zu tun hatten. Die Monographien über bäuerliche Gemeinschaf- ten - ich denke etwa an die vorbildlichen Arbeiten über die ungarische Gemeinde Atany32 oder den schwäbischen Ort Kiebingen33 - lassen erkennen, dass die Leute damals ständig neu disponieren mussten und dass sie in existenzieller Abhängigkeit von Umständen lebten, die sie nicht zu beeinflus- sen vermochten - beispielsweise in einer oft depri- mierenden Abhängigkeit vom Wetter. Die neuen Formen der Erlebnisangebote können den Blick schärfen für die -Seiten früherer Bräuche und früherer kultureller Veranstaltungen. Der frän- kische Dichter und Volkskundler Konrad Weiss hat einmal die Trachten als «heraldische Formen des Volksdaseins» bezeichnet, als Zeichen, die nach aussen gerichtet sind, die wie ein Wappen präsen- tiert werden. Tatsächlich praktizierten die Men- schen Bräuche ja auch früher nicht nur für sich und untereinander - auch früher wurde vieles nicht nur ausgeführt, sondern auch vorgeführt. Schliesslich: der Begriff Medien weckt bei uns die Assoziation des Fernsehens und neuerer Formen der Vernetzung; aber auch früher wurde die Kultur durch Medien mitgeprägt, durch Bilder und seit der Alphabetisierung eines Grossteils der Bevölkerung vor allem auch durch Bücher. 144
        

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