ZWISCHEN MARKT UND ELFENBEINTURM - VOLKSKUNDE HEUTE / HERMANN BAUSINGER sozialen Ausdifferenzierung zu tun. Damit ist nicht nur gemeint, dass es eine Vielzahl differenter Be- rufsbilder gibt, sondern auch, dass wir mit ständig neuen, immer wieder anderen sozialen Situationen konfrontiert sind. Mit Georg Simmel, einem Kultur- soziologen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, könnte man von «einer Vielzahl sich durchkreu- zender sozialer Kreise» reden. Simmel hat dies da- mals auf die entstehenden Grossstädte bezogen;29 heute gibt diese Vielzahl sich durchkreuzender so- zialer Kreise auch ländlichen Gebieten bis zu ei- nem gewissen Grad das Gepräge. 2. - und das hängt eng mit der ersten Beobachtung zusammen: Jeder und jede Einzelne ist heute in vielerlei Kreise einbezogen. Der sozialen Ausdiffe- renzierung entspricht die Vielfalt der Rollen, die jede einzelne Person spielen muss. Es gibt nicht mehr die konzentrische Einlagerung in Familie, Nachbarschaft, Dorf, Region (eines auf das andere bezogen), sondern es gibt viele auseinanderstre- bende Orientierungen. Daraus entsteht Unsicher- heit; übergreifende Normen fehlen oder werden nicht ohne weiteres akzeptiert. Umso wichtiger werden die Normen kleiner Gruppen und die Bin-Fastnachtsbrauchtum 
in Liechtenstein: Guggenmu- sik am Kinderumzug in Va- duz. Die Guggenmusik ist ein im späteren 20. Jahr- hundert aus der Schweiz übernommenes Kulturgut. Die Guggenmusik-Gruppen suchen sich jedes Jahr ein neues Motto aus. Sie ent- werfen dementsprechend jeweils neue Kleider für ihre Auftritte bei Fast- nachtsumzügen im In- und im Ausland. Die Guggen- musik ist zu einem festen folkloristischen Element geworden, das mittlerweile gezielt zur Werbung für Liechtenstein eingesetzt wird. Der Liechtenstein- Tag an der Expo 2000 in Hannover wurde von einer eigens zusammengestellten Guggenmusik aus dem Fürstentum mitgestaltet. 
Der von Schuljugendlichen unter Anleitung eines «Funkenmeisters» aufge- baute Funken in Balzers wird von der sogenannten «Funkenhexe» überragt. In allen liechtensteini- schen Gemeinden werden am ersten Sonntag in der Fastenzeit solche Funken abgebrannt. Mit diesem Feuerzauber sollen die Geister des Winters verjagt werden. Dieses lokale Brauchtum, verknüpft mit einem Dorf- oder Quartier- fest, stammt aus vorchrist- licher Zeit und wird auch heute noch gepflegt. 27) Weiss, Kurt: Tod in Vaduz. Vorabdruck eines Kapitels in: Allmende 18. Jahrgang (1998), Heft 58/59, S. 38-42; hier S. 38. 28) Tokofsky, Peter: A Tale of Two Carnivals. Vorabdruck als Ms. (1997). 29) Simmel, Georg: Die Grossstädte und das Geistesleben. In: Brücke und Tür, Stuttgart, 1957, S. 227-242. 143
        

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