ZWISCHEN MARKT UND ELFENBEINTURM - VOLKSKUNDE HEUTE / HERMANN BAUSINGER 1 1 
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i / von der christlichen Beispielgeschichte bis hin zum Räuberroman, obwohl gerade diese Lektüren im 19. Jahrhundert einen ungeheuren Auftrieb hatten. Erst in jüngster Zeit hat sich die Volkskunde diesem Bereich zugewandt; ich nenne in diesem Zusam- menhang den Namen von Rudolf Schenda, der auf diesem Gebiet sehr viel gearbeitet hat." - Volkskundlerinnen und Volkskundler waren im- mer wild auf den Nachweis abergläubischer Vor- stellungen - aber eigentlich nur dann, wenn sich darin archaische Bilder spiegelten. Erst sehr spät ist man darauf aufmerksam geworden, dass auch moderne, halbwissenschaftliche Wissensbestände in den Aberglauben Eingang gefunden haben. Eduard Strübin wies beispielsweise auf hygieni- sche und psychologistische Vorstellungen hin;12 und für unsere Zeit muss in diesem Zusammen- hang an die esoterischen Zirkel erinnert werden, die ihr Wissen und ihre Rituale ja nicht von den al- ten Germanen oder Waisern oder Rätoromanen ha- ben, sondern eher aus China oder aus Indien. Eso- 9) Eduard Strübin: Baselbieter Volksleben. Sitte und Brauch im Kulturwandel der Gegenwart. Basel,2 1967, S. 285 f. 10) Fontane, Theodor: Werke, Schriften und Briefe. München, 1980. Abt. IV. 3. Nr. 435. 11) Hingewiesen sei vor allem auf die grosse Studie: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910. Frankfurt a.M., 1970. 12) Strübin (wie Anm. 9), S. 263. 
Die Sage von der «Gusch- ger Sennpuppe» hat Er- zähltes zum Inhalt, das in ähnlicher Form auch in anderen (alpinen) Sagen auftaucht. Hirten basteln auf ihrer Alphütte eine weibliche Puppe und trei- ben daraufhin allerhand Schabernack mit ihr. Die Puppe wird dabei auch als Objekt für die Projektion von sexuellen Phantasien missbraucht. Grundmotiv ist der sexuelle Hunger inmitten der alpinen Ein- samkeit. Die Berghütte bietet hier andererseits den idealen abgeschirmten Raum, in dem die Hirten der Kontrolle durch die Dorfgemeinschaft weitge- hend entzogen sind. Am Ende der Weidezeit auf der Alp wird die Puppe plötzlich lebendig, sehr zum Schrecken der Hirten. Die Puppe tötet daraufhin den Hirten, von welchem sie besonders malträtiert wurde. Als Zeichen der Abschreckung wird die Haut des Hirten auf dem Dach der Hütte ausge- spannt. Die Sage ist in dieser Überlieferung ein moralisierendes Lehr-stück, 
das die Hirten an- mahnt, auch inmitten der abgeschiedenen Bergwelt ein tugendhaftes und «gott- gefälliges» Leben zu führen. Das Bild zeigt einen Aus- schnitt aus dem 1997 ver- öffentlichten Comic von Sabine Bockmühl. Sie hat die Sage von der «Gusch- ger Sennpuppe» in einer eindrucksvollen Bilderfol- ge dargestellt und inter- pretiert. Der Autorin gelingt so eine aktuelle und unkon- ventionelle Annäherung an dieses volkskundliche The- ma. Hier gezeigt wird die Szene, in der die Hirten ihre selbst gebastelte Senn- puppe dem Hüttenchef vorstellen. Der skeptische Blick des Hüttenchefs offenbart eine leise Vorah- nung des noch Kommen- den, währenddem die Hir- ten eine sorglose, ja gar frivole Ausgelassenheit an den Tag legen. In dieser bildlichen Darstellung wird gar nicht erst versucht, eine heile Welt darzustellen. 135
        

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